Jenni Tischer

Fortune
27.04.–01.06.2016

Ausgangspunkt von Jenni Tischers jüngster Ausstellung fortune in der Galerie Krobath sind zwei verschiedene Arten vorgefundener Objekte: Zum einen wären da eine Vielzahl von unterschiedlich alten Stricknadeln, die die Künstlerin bei einem Lagerverkauf erstanden hat, und anschließend jede für sich kunstvoll in sich selbst verstrickt in Skulpturen und Wandobjekte verwandelte. Zum anderen sind es eine Reihe von u.a. aus Basel, Rom und New York stammenden Rad- und Rosenkirchenfenstern, auf deren Basis sowohl eine Serie von abstrakten Tuschezeichnungen als auch Glasobjekten entstanden. Letztere wiederum sind eine Fortführung der Serie der Makings und Making – Code, die Tischer 2012 zu entwickeln begann. Jene entstanden aus den Überbleibseln des Produktionsprozesses anderer Arbeiten, die sie mit Hilfe von Garn auf runden Glasscheiben zu abstrakten Gebilden anordnete.

In den hier nun unter dem Titel Decision Making gezeigten Arbeiten fügt Tischer verschieden große schwarze Webrahmen zu unterschiedlichen „Geweben“ zusammen, die sich an den Musterungen der Kirchenfenster orientieren. Dabei hält das Garn die Rahmen, während diese wiederum durch das Glas „gerahmt“ sind. Auf diese Weise kommt es zu einer engen Verschachtelung von „Bild“ und „Rahmen“, von Display und Kunstwerk, dessen Machart wiederum in enger Verbindung zu den Stricknadelobjekten steht. So ist es nicht zuletzt das titelgebende „Machen“ selbst sowie die sich dahinter verbergenden Entscheidungen, die hier quasi sprichwörtlich „auf dem Präsentierteller“ vorgeführt werden. Denn transparent gemacht wird auch der Aufhängungsmechanismus: ein kleines Loch im Zentrum der Glasscheibe, das auf einem Nagel aufgehängt ist.

Zugleich eröffnen die in dieser Ausstellung gezeigten Objekte durch die hierin vollzogene Abstraktion ein breites Bedeutungsspektrum. So lassen manche der Stricknadelobjekte an Kreuze oder Nester denken, während die Glasobjekte durch die Kombination unterschiedlicher Kreisstrukturen gleichermaßen Assoziationen an Marcel Duchamps drehbare Rotoreliefs (1935) wie auch Mandalas und Glücksräder evozieren. Die Radfenster beziehen sich teilweise direkt auf das Rad der Fortuna, auch Schicksalsrad genannt. Während im Mittelalter das Glück einer Göttin überlassen wurde, können im digitalen Zeitalter Entscheidungen direkt an einen Algorithmus wie beispielsweise dem sogenannten „Decision Making Wheel“ abgegeben werden.

Folglich präsentiert Tischer die gefundenen Objekte nicht als einfache „readymades“, in dem sie alltägliche Dinge in einen Gegenstand ästhetischer Betrachtung verkehrt. Vielmehr lässt sie durch die jeweiligen „Verflechtungen“ der einzelnen Bestandteile darüber hinaus eine in der westlichen Kultur häufig unterdrückte spirituelle Dimension Einzug halten, die eine Lesart nicht nur jenseits der üblichen Warenzirkulation, sondern auch jenseits ihres jeweiligen Objektstatus‘ erlaubt.


Text: Fiona McGovern