Julian Opie

08.06.–30.07.2016

Ich betrachte eine Landschaft am liebsten in Bewegung – aus einem fahrenden Zug oder Auto, oder beim Gehen. So kann ich den Raum spüren und die Farben auf mich wirken lassen, ohne mich auf ein spezielles Geschehen oder Detail zu konzentrieren. Wenn ich ein großes Museum betrete, bleibe ich gern am Eingang stehen und betrachte die großen, dunklen, rechteckigen Flächen in den Rahmen, die wie Fenster an den Wänden hängen, und sehe die Gemälde als Objekte – kräftige Brauntöne in goldglänzenden Umrandungen. Aus dieser Perspektive kommen die klassischen Motive zum Vorschein: Figuren in einer Landschaft, Akte, Bruststücke, historische Szenen. Man kann auf eine Party gehen und einen alten Freund entdecken oder auch nur das Getümmel, die unzähligen Köpfe und Frisuren wahrnehmen. Man kann an einer Straßenecke stehen und nach dem richtigen Weg Ausschau halten oder auch einfach den scheinbar choreographierten Tanz der vorbeiziehenden Mengen in sich aufnehmen. Eine Person aus dieser Masse, einzeln und näher betrachtet, könnte vielleicht einem dieser Portraits ähneln – der Situation entsprechend, sowohl als Individuum, als auch als Typus.

In dieser Ausstellung stelle ich Bilder aus drei verschiedenen Serien vor. Die Bilder der ersten Serie wurden mit einer Fotokamera auf den Straßen von Seoul von einem von mir engagierten Fotografen aufgenommen. Ich wählte dann einzelne Personen aus den Tausenden Passanten aus und bearbeitete die ursprünglich als Ganzkörperportraits entstandenen Bilder, sodass nur mehr die Köpfe zu sehen waren. Die zweite Gruppe stammt aus einer Reihe von Filmaufnahmen von Passanten, die zufällig an meinem Atelier vorbeigingen. Ich bat sie hinein und machte gegen ein geringes Honorar Videoaufnahmen von ihnen. Nachdem ich die Aufnahmen in Animationen umgewandelt hatte, vergrößerte ich die Köpfe. Für die letzte Serie entwickelte ich aus diesen Zeichnungen schließlich eine Art Zeichensprache. In allen Fällen wurden die Personen im Profil portraitiert, wodurch der Eindruck entsteht, als gingen sie zufällig vorbei und seien sich ihres Publikums nicht bewusst.

Portraitmalerei ist die am weitesten verbreitete und nützlichste Kunstform. Ein Portrait muss einen Zweck erfüllen und dient den Betrachtern als eine Art Spiegel: ein Kopf betrachtet einen anderen Kopf. Dies ermöglicht es mir, mit verschiedenen Kombinationen von Subjekten, Materialien und Prozessen zu experimentieren. Die Seoul-Serie ist detaillierter und braucht die Unmittelbarkeit und Klarheit der flächigen Malerei. Für diese Arbeiten, die wie Plakatwände oder Buchumschläge anmuten, verwendete ich per Computer zugeschnittenes Vinyl und Tintenstrahldruck. Die Bilder der eingeladenen Ateliermodelle sind einfacher, wodurch ich sie mit einer Metallstruktur mit erhobenen schwarzen Linien und handgemalten Farben kombinieren konnte. Das Reliefsystem und die Farben sind altägyptischer Kunst entnommen. Die letzte und einfachste Serie kann so schnell erfasst werden, dass ich eine dicke, spritzlackierte Metallstruktur, ähnlich dem Rumpf eines Schiffes, verwenden konnte, kombiniert mit an Verkehrs- und Hinweisschildern angelehnte Farben.

Maßstab, Oberfläche, Aufwand, Gewicht, Relevanz, Gefahr, Subjekt ... All das geht einem sofort durch den Kopf, wenn man ein Objekt betrachtet. All diese Elemente können durcheinander gewürfelt und kombiniert werden. Ich sammle Beobachtungen meiner Umgebung mit meinen Zeichnungen und Fotoaufnahmen, die mich daran erinnern, was mir ins Auge gesprungen ist. Danach versuche ich Objekte zu gestalten, die meine Beobachtungen hervorheben und miteinander kombinieren. Ich habe weder konkrete Vorstellungen noch irgendwelche Botschaften, und ich verfolge auch kein Ziel. Ich nehme einfach jede Gelegenheit wahr, die sich mir bietet. Ich kombinierte etwa auf Museumssockeln präsentierte römische Büsten aus Marmor, eine Gruppe von Passanten, Displaysysteme, Portraitgemälde alter Meister und Kinderspielzeugfiguren aus Holz und machte daraus die letzte Gruppe von Werken, die in dieser Ausstellung zu sehen sind: kleine Skulpturen, wo die Köpfe auf Sockeln präsentiert werden, statt wie Gemälde an der Wand zu hängen.

Julian Opie.

Übersetzung: Dr. Mandana Taban