EMAK BAKIA

curated by_Vienna 2016:Meine Herkunft habe ich mir selbst ausgedacht
09.09.–15.10.2016

EMAK BAKIA
Henri Michaux, Nasreen Mohamedi , Man Ray, Haleh Redjaian, Sofie Thorsen

Henri Michaux (*1899 in Namur, Belgium/died 1984 in Paris)
Nasreen Mohamedi (*1937 in Karachi, Pakistan/died 1990 in Kihim, India)
Man Ray (*1890 in Philadelphia, Pennsylvania, USA/died 1976 in Paris)
Haleh Redjaian (*1971 in Frankfurt am Main/lives in Berlin)
Sofie Thorsen (*1971 in Århus,, Denmark/lives in Vienna)


"Jede Linie ist eine Weltachse."
Novalis


Stefan Germer schrieb Ende der 90er Jahre, dass die Kunstentwicklung nicht aus der Neuheit entsteht, sondern allein aus dem Durchdenken der Geschichte, ihrer Möglichkeiten und Bedingungen.1) Das formal ausgerichtete Gestaltungsvokabular der Moderne hat sich im Laufe des 20./21. Jahrhunderts immer wieder verändert, ist in neue Richtungen entwickelt und mit anderen Diskursen verbunden worden. Die Ausstellung möchte in einer Zeit, in der sich viele Gestaltungsprinzipien in eher redundanten Formalismen erschöpft haben, anhand historischer wie auch zeitgenössischer Positionen die Signifikanz des Formalen untersuchen.

Der Ausgangspunkt ist ein im Jahr 1926 erschienenes Werk filmischer Abstraktion, der Film „Emak Bakia“ von Man Ray. Emak Bakia ist ein baskischer Ausdruck und bedeutet so viel wie: „Gib uns eine Pause“. Man Ray skizzierte den Film als „eine Pause für Reflexionen über den gegenwärtigen Zustand des Kinos“. Interessant an dieser Arbeit ist, dass er formal beginnt, um das Formale dann in surreal-reale Welten zu übertragen. Um diese Welten geht es auch bei Henri Michaux. Die vielen Reisen Michaux’ in eine andere Wirklichkeit dienten der Erkundung des Möglichen. So experimentiert er von Ende 1954 bis 1959 unter medizinischer Aufsicht mit Meskalin, um die Grenzen seiner eigenen Wahrnehmung zu erweitern. Die daraus resultierenden „Meskalinzeichnungen“ zeigen zuerst zittrige, verschwommene Schriftzeichen, um sich später zu vibrierenden, dichten Linien und Feldern von großer Dynamik zu entwickeln. Nasreen Mohamedi’s Ansatz von Abstraktion dagegen basiert auf den utopischen Idealen von Kasimir Malewitsch und erweitert die Grenzen der westlichen Kunstgeschichte. In der südasiatischen Kunst verwurzelt, erkundet sie den westlichen Modernismus und erweitert ihn um die Poesie von Rilke und Camus, der klassischen Musik Indiens und der Architektur der Stadt Chandigarh. In den zeitgenössischen Positionen von Sofie Thorsen und Haleh Redjaian werden die Grammatiken der Moderne abermals neu aufgestellt, und zwar zwischen der universalen Form der Linie und der eines kulturellen und globalisierten Transfers.

Bettina Steinbrügge
(*1970 in Ostercappeln, Deutschland) Direktorin des Hamburg Kunstvereins.

1) Vgl.: Stefan Germer, Germeriana. Unveröffentlichte oder übersetzte Schriften von Stefan Germer zur zeitgenössischen und modernen Kunst, hg. V. Julia Bernhard, Köln 1999, S. 241.

Krobath dankt allen Leihgeberinnen und Leihgebern sowie allen Künstlerinnen und Künstlern für die Unterstützung des Projekts.