Caroline Corleone

LRB
18.01.–01.03.2017

Eröffnung: Dienstag, 17.01.2017, 19 - 21 Uhr
Öffnungszeiten: Di - Fr 11 - 18 Uhr, Sa 11 - 15 Uhr

Als George Braque 1912 mehrere Stückchen Holz in seine Zeichnung „Obstschale und Glas“ klebte, war das bereits ein kleiner Betrug am Publikum. In Wahrheit handelte es sich bei dem gemaserten Material um industrielle Meterware: Der französische Künstler hatte kurz zuvor eine Rolle Tapete gekauft, weil er fasziniert von dem Widerspruch war, dass hier Natur auf bedrucktem Papier simuliert wurde. Sein Bild spielt mit dieser Täuschung und verdoppelt den Effekt, weil Braque das Muster in ein Stillleben collagiert, das selbst gemalte Illusion ist und sich vor dem Auge des Betrachters in seine Fragmente zerlegt.
Caroline Corleone scheint in ihrer zweiten Einzelausstellung in der Galerie Krobath auf der Spur des Kubisten, wenn sie für ihre neuen Bilder Polyesterstoffe vom Wühltisch verwendet. Auch die Künstlerin wundert sich, etwa über die blühende gestalterische Pracht auf den Kleiderstoffen. All die Astern, Hortensien und Chrysanthemen, die sich dank digitaler Experimente teils ins Unendliche vervielfältigen, teils bis zur Unkenntlichkeit zu abstrakten Mustern verzerren. Ihre Antwort auf diese postmedialen Strategie der Kopie und Montage fällt allerdings weit radikaler aus: Die Leinwände ihrer Gemälde sind zerschnitten und partiell durch die gemusterten Stoffe ersetzt. Man sieht den Faden, das Zickzack der Nähmaschine, die auch in Corleones früheren Arbeiten bereits zum Einsatz kommt. An manchen Stellen verzieht sich das Gewebe, weil die verschiedenen Qualitäten nicht zueinander passen.
Dieses Collagieren stand mit George Braque und dem „Papier collé“ am Beginn der Moderne. Er begründete den analytischen Kubismus, der die Realität mit der Bildwirklichkeit konfrontierte und ihre Trennung infrage stellte. Caroline Corleone macht diesen Unterschied gar nicht mehr: Ihre Vernähungen stellen klar, dass in der Wahrnehmung des 21. Jahrhunderts alles vollkommen gleichwertig nebeneinandersteht - Reales, Digitales und Malerei.
Schon im vergangenen Jahr war die junge Künstlerin mit Arbeiten in der Galerie vertreten. Ihre ungegenständlichen Motive nahmen klar Bezug auf die Kunstgeschichte. Abstrakter Expressionismus, Color Field Painting oder Hard Edge Malerei: Caroline Corleone versammelte in ihrem Werk die elementaren Strömungen vorangegangener Dekaden. Dabei ging sie weit über das pure Zitat hinaus und reaktivierte die Kräfte dieser ästhetischen Sprachen in der eigenen Malerei. Ihre Technik der Collage, Interventionen mit neonfarbenen Fäden, Spuren von Graffitis oder Titel wie „Cloud #9“ verorten die Sujets zugleich ganz unsentimental in der Gegenwart. Und doch haben sie das Potential einer autonomen Bildwelt, die ihre eigene Ästhetik entwickelt.
Dabei finden die jüngsten Arbeiten ihre Rückbezüge sogar in den kunstfremden Polyesterstoffen: Andy Warhol dank des seriellen Blumenmusters in Bildern wie „PFF“ (2017) und „LRB“(2017), die auch die „dots“ eines Pop-Artisten wie Roy Lichtenstein oder von Sigmar Polke zitieren. Ein Maler, der ebenfalls schon in den achtziger Jahren Handtücher und Bedrucktes in sein Werk integrierte. Corleone macht Anleihen bei den „drippings“ von Jackson Pollock, und im streng geometrischen Aufbau von „FPH“ (2017) glaubt man eine Komposition von Blinky Palermo zu erkennen - wenn nicht das schreiend bunte Muster die Klarheit und Konzentration der Komposition unterlaufen würde.
Solche Brüche sind programmatisch für die Arbeit von Caroline Corleone. Ihre Bilder schichten die Zeiten, während ein Netz aus Verweisen die Kompositionen in der Schwebe hält. Unmöglich, auf diese Malerei zu schauen und die Rezeptionsmaschine zum Stillstand zu bringen. Die Künstlerin weiß das, öffnet ihre Malerei für die reflexive Interpretation und behauptet im selben Moment das Gegenteil: Dass man sie ebenso intuitiv erfassen kann.

Text: Christiane Meixner