Guido Kucsko

Prolongiert bis / extended until 06.09.2017
07.06.–06.09.2017

Guido Kucsko.
Die Bildwerdung einer Idee .
Günther Oberhollenzer.

Oh, der Einfall war kindisch,
aber göttlich schön!
Friedrich Schiller (aus Don Carlos)

Wie nur soll ich diesen Text beginnen? Ich hoffe, ich habe bald eine treffliche Idee. Einige zusammengeknüllte Zettel liegen schon im Papierkorb. Ideen kann man nicht erzwingen, sie entstehen oft unerwartet, überraschend und besonders gern in Momenten, in denen man natürlich nichts zum Schreiben dabeihat. „Some of the biggest ideas in the world started on a napkin“ steht auf der Verpackung von Papierservietten zu lesen, die ich jüngst geschenkt bekommen habe. Der Bleistift war passenderweise gleich beigelegt. Langsam verstehe ich den Titel der Ausstellung von Guido Kucsko: Wenn endlich eine Idee da ist, dann halte sie fest und sei nett zu ihr. Wer weiß, wie lange es dauert, bis die sprichwörtliche Muse dich wieder küsst. Früher wurde das noch wörtlich genommen. Homer und andere Dichter der Antike hätten sich niemals als Schöpfer oder Eigentümer von Werken empfunden. Sie waren Auserwählte, durch die hindurch göttliche Stimmen sprachen. Das Gottesgnadentum verschwindet über die Jahrhunderte aber immer mehr und Kreativität wird zu einer Fähigkeit, die begabte Menschen untereinander beleben und fördern. Doch damit nicht genug. Spätestens seit Joseph Beuys kann jeder Mensch Künstler sein und aus sich heraus kreativ handeln. Der Mensch der Gegenwart braucht scheinbar keine Musen mehr, er schöpft aus sich selbst, um Großes zu schauen. Das Finden von Ideen und Ausleben der eigenen Kreativität ist in unserer individualisierten wie leistungsorientierten Gesellschaft zu einem wichtigen Teil des Lebens geworden. Ob im Alltag, in der Wissenschaft und Forschung, in der Wirtschaft und Politik, in der Literatur und Kunst: Ideenreichtum ist heute gefragter denn je.

„Ich hab‘s, ich habe eine Idee!“ Als Kind war er mein Held, der spitzbübische Junge, der mit den Fingern schnipste und dann vor ausgefallenen, aberwitzigen Ideen sprühte. Mit Einfallsreichtum und Kreativität konnte er seinen Vater und dessen Gefolgsmänner aus manch brenzliger Situation befreien. In der rauen Welt der Wikinger ist der scharfe Verstand eines kleinen Jungen der körperlichen Kraft der Erwachsenen weit überlegen, so die kindergerechte Botschaft. Unter einer Idee versteht man einen Gedanken, nach dem man handeln kann, oder ein Leitbild, an dem man sich orientiert. Im allgemeinen, alltäglichen Sprachgebrauch ist mit der Idee ein neuer und origineller, ein geistreicher oder auch witziger Gedanke gemeint, den man gerne auch umsetzen möchte. Eine zündende Idee haben oder gleich mehrere, das ist das kostbare Kapital des Künstlers.
In der zeitgenössischen Kunst kann dabei sogar eine bloße Idee zum Kunstwerk werden. Die handwerkliche Umsetzung ist für die Bedeutung und Qualität einer Arbeit nicht (mehr) entscheidend. Der deutsche Künstler Martin Kippenberger hatte etwa eine Idee zu einer Werkserie, ihre Umsetzung überließ er aber einem kommerziellen Plakatmaler (Lieber Maler male mir, 1981). Kippenberger hinterfragt so ironisch die Rolle des Künstlers und das Konzept der Autorenschaft.

Guido Kucsko geht noch einen Schritt weiter. Die Idee der Idee wird selbst zur Kunst. Kucsko interessiert sich für den geistigen Prozess, der zu ihr führen kann, das Grübeln und Abwiegen, das Entdecken und wieder Verwerfen. Sie, die Ideen, erscheinen als monochrome schwarze Flächen aus Aluminium, montiert auf einem rosafarbigen Untergrund. Der Idealfall ist ein glatt gestrichenes Rechteck (Ideal idea), meist aber sind die Ideen unförmig oder zerknittert, eingerissen oder fragmentiert (Upcoming idea, Not yet fully unfolded idea, Discarded idea). In Blockbuchstaben oder per Handschrift ergänzt Kucsko knappe Beschreibungen und Kommentare. Das Ringen um den kreativen Moment und schöpferischen Akt wird zu Materie und Form. Die Bildsprache ist 
klar und stringent umgesetzt aber nicht ohne ein Augenzwinkern. „Sei nett zu deinen Ideen“, fordert Kucsko gegenüber der entstehenden,
 der idealen, der wieder verworfenen Idee, und man glaubt zu erkennen, dass hier jemand genau weiß, wovon er spricht. Die Arbeiten erinnern mich an Federico Fellinis Film Otto e mezzo (1963), in dem Marcello Mastroianni als Alter Ego Fellinis einen Regisseur mimt, der sich in einer tiefen Schaffenskrise beendet – so wie Fellini selbst zu jener Zeit. Der Film gilt als die beste Arbeit des Regisseurs. Auch Kucsko macht das künstlerische Schauen zum Thema seiner Kunst, das Zweifeln und Ringen um einen guten Einfall, aber in der Folge auch die Wünsche und Erwartungen, die damit verbunden werden. Ironisch wie kritisch reflektiert der Künstler das, was danach kommt: Ist die Idee erst einmal in der Welt, was passiert dann mit ihr? Kann sie sich gut entwickeln und hat Potenzial oder bleibt sie ein Strohfeuer? Kann man mit ihr reich und berühmt werden? Ist sie einmalig und muss sie urheberrechtlich geschützt werden?

Homer hat sich über all das vermutlich kaum Gedanken gemacht. Doch heute sind Ideen das immaterielle Kapital des kreativen Menschen,
 als Quell der künstlerischen Produktion oder Rohstoff der wissenschaftlichen Forschung ein persönliches wie schützenswertes Gut. „Ideen sind ja nur das einzig wahrhaft Bleibende im Leben“, schreibt schon Wilhelm Freiherr von Humboldt. „Sie sind im eigentlichen Verstande das, was den denkenden Menschen ernsthaft und dauernd zu beschäftigen verdient.“ Wie lohnend und inspiriert es sein kann, sich ihnen als gedankliches Prinzip zu nähern, stellt Guido Kucsko mit seinen Werken eindrucksvoll unter Beweis.