Otto Zitko

02.05.–27.06.2015

Die Kunst von Otto Zitko saugt sich im Kopf fest. Das geht jedem Betrachter so. Weil bei Zitko Linien, die scheinbar zügellos über die Oberflächen sausen, sich zu Bildern verbinden, verschlingen, verknoten und verwirren, die genau das in sich tragen, was Jean-Luc Godard von einem guten Film verlangt: sie haben einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Aber eben nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Im Vorwort zum Buch „Otto Zitko – Me, Myself and I“ erzählt Tom Trevor (der ehemalige Leiter des Arnolfini in Bristol, für dessen Museum Otto Zitko 2010 eine über drei Stockwerke gehende Wandbemalung gestaltete, ähnlich der vielbeachteten Installation im Hamburger Bahnhof anlässlich der von Udo Kittelmann kuratierten Ausstellung „Die Kunst ist super!“ im Jahr 2009) die Geschichte vom kleinen Buben, der im Schreibheft eine schöne Handschrift üben sollte und dabei immer wieder ausrutschte, sich in Linien und Abweichungen verlor, weil ihm das Hinausgehen über den Rand viel interessanter schien als eben eine schöne Handschrift. „Natürlich wäre es verfehlt“, so Tom Trevor weiter, „Otto Zitkos Praxis einfach als ungehindertes Ausströmen eines wilden kindlichen Triebes zu sehen. Nachdem er in der Schule das Schreiben erlernt hatte, übte Zitko als Teenager das Zeichnen durch Naturstudien und indem er Werke von Dürer, Rembrandt, Tintoretto und anderen nach Fotografien kopierte. Später begann er seine zeichnerische Praxis Schritt für Schritt zu erweitern, von kleinen Arbeiten auf Papier zu großformatigen Tafeln, um schließlich in das Innere architektonischer Räume vorzudringen.“

Zuletzt war eine derartig aufwändige Wandarbeit, wilde, rote Linien, die sich durch zwei Räume hinweg zu einer Gesamtinstallation verbinden, in St. Petersburg als integraler Bestandteil der von Kasper König kuratierten Manifesta 10 zu sehen. Er habe gerade in politisch schwierigen Zeiten kein „Disneyland“ und keine „Oligarchen-Kunst“ zeigen wollen, erklärte Kasper König in einem Interview im Kunstmagazin „art“ und auf die Gegenfrage „Sondern?“ kam die Antwort: „Zum Beispiel ist mir die Abstraktion als Phänomen besonders wichtig. Sie ist in Russland entstanden, gerade dort aber verschwunden. Deswegen arbeite ich mit Künstlern wie Otto Zitko, die dieses Erbe reflektieren.“

In seiner zweiten Einzelausstellung bei Krobath Berlin präsentiert Otto Zitko neue großformatige Arbeiten, schwarze und silberfarbene Linien mit Ölstift und Lack auf Wabenkartons aufgetragen. „Sie stellen nicht die Installation an sich dar“, schrieb die Kunsthistorikerin Jan Avgikos über Zitkos Bilder, „sondern filtern die polarisierten Erfahrungen heraus, die für Zitkos Installationen wichtig sind.“ Sozusagen eine Konzentration. Vom Raum auf die Fläche.

Peter Krobath