Julian Opie

02.07.–22.10.2011

Krobath Berlin präsentiert neue Portraits von Julian Opie in Siebdruck, LCD und Vinyl.

„Seit einigen Jahren übernehme ich hie und da Portraitaufträge. Mich reizt dabei die Anknüpfung an frühere Kunstsysteme und Methoden und die Begegnung mit interessanten und begeisterten Menschen, die mir Modell stehen. Die Portraitierten in dieser Ausstellung, Ika, Maria und Mirjam, standen mir bereits vor einiger Zeit Modell. Ich kehrte aber jetzt wieder zum Fotomaterial von damals zurück, um eine Reihe von Bildern zu malen, in denen die Gesichtszüge nicht dargestellt werden. Als Auftragsarbeit, wo das Gesicht doch ein zentrales Element ist, wäre das nicht denkbar. Ich wollte jetzt die Körperhaltung und die Umgebung hervorheben. Requisiten, die ich zum Teil kaufte, auslieh oder in Museen fotografierte, sollten die Bilder vervollständigen. Normalerweise war der Schwerpunkt meiner Arbeit die Figur. Nun ist es das erste Mal, dass ich in dieser reduzierten Form mehr als die Figur und ihre unmittelbaren Accessoires darstelle und einen voll ausgefüllten Raum auf der Leinwand schaffe. Wenn ich meine Modelle fotografiere, breite ich Abzüge von alten Meisterwerken auf dem Boden aus und bitte die Modelle, die Posen in diesen Bildern nachzustellen. Das wirkt manchmal lächerlich, aber im Endeffekt sind alle überrascht, wie toll diese Posen in den fertigen Bildern aussehen. Beim Betrachten von Gemälden aus dem 17. und 18. Jahrhundert entdecke ich Tricks und Kompositionsmuster mit Säulen, Couchen und Vorhängen als zentrale Elemente in der Bildgestaltung. Darüber hinaus sind genau diese Requisiten die Erkennungsmerkmale der rechteckigen Kunststoffteile.

Früher gab man das eigene Portrait als Halbfigur oder Hüftbild, und die ganz Reichen als Ganzfigur, in Auftrag, denn die Körpergröße war bei den Portraits ziemlich originalgetreu, sodass diese Ganzkörpergemälde recht groß waren. Mich haben Gemälde, die als Objekte in Museen hängen, schon immer fasziniert, diese schweren Rechtecke mit Tiefe und bunten Farben, umrandet von enormen goldenen oder ebenhölzernen Rahmen, die einerseits flach und glatt wirken und doch wie offene Türen in die Tiefe führen. Wenn man sich im Raum bewegt, heben sich die Figuren vom Bild ab oder versinken in die Tiefe. Am Anfang von Tomb Raider gibt es eine Szene oder besser gesagt einen Level, wo Lara Croft sich in ihrem englischen Schloss bewegt, in dem Portraits von alten Meistern an den Wänden hängen – die Pixelierung ist recht grob, sodass man nicht erkennen kann, wer auf den Portraits zu sehen ist, aber die Tiefe und die Dichte ist erkennbar, und man spürt irgendwie die Wirkung.

Wenn ich manchmal zu früh für einen Zug oder einen Termin dran bin, beobachte ich einfach die Passanten und betrachte das Geschehen als eine großartige Zufallschoreographie. Menschen gehen herum, vermengen sich – Fremde, die sich gegenseitig wie mit Navigatoren wahrnehmen. Jede Person hat einen speziellen Gang und ein charakteristisches Outfit. Vor kurzem bat ich meine Assistenten, auf meinem Laufband zu gehen und ich filmte sie dabei. Danach fertigte ich Zeichnungen von diesen Aufnahmen an. Um einen Schritt darzustellen, braucht man in etwa 30 bis 40 Zeichnungen, und wenn man diese dann zur Schleife schaltet, kann die Figur endlos marschieren. Wenn mal der Film fertig ist, kann man Einzelbilder abmalen und die verschiedenen Figuren miteinander kombinieren, sodass sie zu zweit oder in Gruppen marschieren. Ich bin immer wieder überrascht, wie ein einziges Standbild von einer Bewegung immer noch die Bewegung suggeriert. Die Seitenansicht eines Menschen ist leichter zu betrachten als eine Frontalansicht und spiegelt die eigene seitliche Bewegung wieder. Auf alten ägyptischen Wandmalereien und griechischen Steinfriesen wurde auch diese Seitenansicht für die Darstellung des Gehens verwendet.“

Julian Opie

(deutsche Übersetzung: Mandana Taban)