Dorit Margreiter

03.02.–11.03.2000

Einen ersten Einstieg in das narrativ angelegte "Artscape" bietet ein Video, das eine Soap Opera aus Hongkong zeigt, die bei EmigrantInnen sehr populär ist. Es führt zu einem Thema der Ausstellung, nämlich anhand der Lebenssituation einer in die USA ausgewanderten Familie aus Hongkong, eine Form zu entwickeln, die zeigt, wie Hongkong mit New
Jersey unter den Medienbedingungen von Hollywood und Satellitenfernsehen zusammenhängen.
Die an der Wand hängende Blaupause zeigt den Entwurf der privaten Mediathek der chinesisch-amerikanischen Familie in "Short Hills", New Jersey. Der Raum soll an ein typisches Einfamilienhaus in den Suburbs von New York angebaut werden. Das Foto des Hafens von Hongkong wird - auf einem Foto - an die Wand gehängt. Abbildungsebenen verschachteln sich ineinander und erzeugen eine Endlosschleife zwischen virtuellen und realen Räumen. Die Künstlerin unterhält sich mit ihrer Tante, der Besitzerin des Hauses, in dem Video "Short Hills" über das Bauvorhaben. Die sechzehnjährige Cousine erzählt während einer Autofahrt über Neuigkeiten aus ihrer Lieblings-Soap-Opera, etwa über das Coming-Out-Problem eines Protagonisten. Ein weiteres Thema der Ausstellung klingt hier an: die identitätsstiftende Wirkung massenmedialer Leitbilder darzustellen, die Architektur und Körper gleichermaßen berührt. Die AusstellungsbesucherInnen können über Kopfhörer die Tonspur des Videos verfolgen. Damit kommentiert es auch die übrigen Motive der Ausstellung. Das an die Wand projizierte Video ist eines von drei Video-Displays im Raum. Ausschnitte aus den Lieblingsserien von Melissa Chang werden auf einem DVD-Player gezeigt. In einem Ausschnitt beugen sich die Protagonisten der Teenager-Serie "Dawson's Creek" über das Modell eines Suburbia-Palastes, in einem andern joggt eine Protagonistin durch den Garten des ziersäulengestützten Hauses ihrer Eltern. Ein Video-Still hängt davon an der Galeriewand. Eine zweite Kompilation stammt aus "Buffy, the Vampire Slayer", in der sich eine College-Studentin in eine Vampirsjägerin verwandelt. Margreiter hat mit vertrauten deutschsprachigen SprecherInnen eine Synchronisation erarbeitet. Sie zerlegt selbst diesen Rest eines rein dokumentarischen Effektes. Videoprojektor und DVD-Player stehen auf einer Modelllandschaft. Es ist ein Naturmodell mit grünen Hügeln. Ein hölzernes Ausstellungsgerüst teilt den Raum in ein studioartiges Innerhalb - dort befindet sich das Naturmodell mit den beiden Videogeräten - und den "äußeren" Galerieraum. Das Gerüst ist durch eine einzige, vertikale Platte verschalt. Es ist ein halb offener Verbau. Er gestattet den Blick "von außen" auf das Naturmodell, während der Videomonitor sein Bild "nach außen" projiziert. Formal verschalten sich das Autofenster aus dem Video, die Fenster der Ausstellungsarchitektur, die Fotos an der Wand und die Monitorfenster zu einem Kreislauf der Blicke bzw. zu einer mehrfach gebrochenen Abbildungsschleife. Eine weitere Darstellungsebene hat Margreiter mit einem Leporello, das als Band 4 der Reihe "Montage" erschienen ist, einbezogen. Sogenannte "Establishing Shots" sind hier zusammengestellt, die in Soap Operas eine Außenansicht der Schauplätze zeigen. In Tagesansichten - und umseitig in Nachtansichten - spiegeln sie die illusionistische Wirkung von Ortsangaben. Die Ausstellung verknüpft Maßstabsverschiebungen, vermittelt Übergänge zwischen projizierten und projektierten, medialen und gebauten Räumen. Ortsbezüge verschwinden, neue werden hergestellt. Es entsteht eine fürWünsche offene Architektur.

Matthias Dusini