Julian Opie

03.05.–12.07.2014

Bleiben Sie einen Moment lang auf einer beliebigen Straße stehen und beobachten Sie die vorbeigehenden Menschen. Es liegt eine Schönheit und Energie in den dahinschreitenden Gestalten. Jede Person, mit ihrem eigenen Ziel, auf ihre eigene Weise gekleidet, vereint sich mit Fremden zu einem sich stetig wandelnden, willkürlichen Tanz.

Ich habe gehende Menschen in verschiedenen Teilen meiner Stadt und in Städten verschiedener anderer Länder gezeichnet. Geschäftige Städter während ihrer Mittagspause, schicke, mit bedruckten Einkaufstaschen flanierende Personen beim Shoppen, hitzige Gestalten in Flipflops und eingemummte Menschen aus dem kalten Norden.

Zusammen mit diesen Bildern ist eine aus einer Serie von neuen animierten LCD-Arbeiten ausgestellt. Diese Arbeiten zeigen auf Londoner Straßen gefilmte Passanten, mit all den Zufällen und Überraschungen, die die Wirklichkeit bietet. In nüchternem Schwarzweiß gehalten ist es die Bewegung, die jedes Individuum definiert. Es ist kein narrativer Diskurs, nur ein zufälliger Fluss.

Die farbenfrohe Kunststoffoberfläche der Bilder ist so zeichenhaft und urban wie die LCD-Panels. Moderne Methoden der Darstellung werden für herkömmliche künstlerische Zwecke der Malerei und Skulptur verwendet.
Um Menschen auf der Straße zu zeichnen, stelle ich nur meine Kamera auf und lasse sie eingeschaltet. Die nächste Aufgabe besteht darin, diese Informationen weiterzuverarbeiten. Die Person herauszugreifen, den festgehaltenen Moment ihrer Bewegung, der das beste Bild ergeben würde, die beste Darstellung von ihr als Objekt. Ich verbringe Tage damit, den richtigen Moment und die richtige Person zum Zeichnen auszuwählen. Ich fühle mich dabei wie ein Fischer, der sein Netz inspiziert und den besten Fang herausholt. Sobald ich sie gezeichnet und betitelt habe, werden sie Teil meiner Sprache, Wörter, die Sätze bilden können, Töne, die eine Melodie ergeben können. Ich kann jedes Bild auf unterschiedliche Weise verwenden, es gehört mir. Der Prozess gleicht einer Falle, dem sorgfältigen Aufbauen von Spiegeln, um einen flüchtigen Moment des Zufalls und der Schönheit einzufangen, ihn auszuwählen und so festzuhalten, dass man ihn sehen, betrachten und vielleicht auch genießen kann. Auf jede Phase dieses Einfangens stoße ich durch Versuch und Irrtum, durch Beobachten und Lernen. Jeder Schritt ist eine Zeichnung für sich, und jede Schicht führt das Sujet weiter weg vom Wirrwarr der tanzenden Lichter hin zu etwas Sichtbarem. Einige dieser Schritte sind einfach zu beschreiben: die Bildeinstellung und das Aufnahmegerät beim Fotografieren, das Importieren der Aufnahme auf einen Computerbildschirm. Andere Phasen sind komplexer und instinktiver. Ich bediene mich einer Art Übersetzung der fotografierten Figur in eine Sprache, die ich entwickelt habe, basierend auf Zeichen und Symbolen, Schatten und Konturen. Vielleicht geschieht das Nachzeichnen ganz intuitiv, als Linienführung entlang dem wahrgenommenen Umriss von Dingen, um deren Form zu beschreiben. Es ist die direkteste Art und eine der ältesten Methoden etwas darzustellen, mit dem Auge, der Hand und dem Werkzeug, eine einzelne Linie der Konzentration und Fokussierung, so dass sich die Hand mit dem Auge bewegt, während es ein Objekt erfasst. Dann folgt eine Phase der Farbgebung und Collage sowie des Versuchs und Irrtums, indem verschiedene Elemente hervorgehoben oder verworfen werden. Ich strebe stets danach, das Maximum aus dem Minimum herauszuholen. Eine geschwungene Linie im Haar, um die Art zu beschreiben, wie es sich bewegt und fällt, eine Farbe, die ein Kleidungsstück ausmacht. In dieser Phase bin ich kurz vor dem Aufgeben und muss mich oft an neue Lösungen und Regeln herantasten, damit die Zeichnung funktioniert. Wenn ich diese Phase geschafft habe, stellt sich weniger ein Gefühl der Befriedigung oder Vollendung ein als das der Befähigung weiterzumachen. Die Zeichnung existiert nun als Vorschlag, eine gespeicherte Möglichkeit, ein gesummter Ton. An dieser Stelle trifft sie auf einen weiteren Fluss an Informationen, den Fluss von Materialien und wahrgenommenen Darstellungsformen.

Keines dieser Werke ist ein reines Portrait. Der Fokus liegt vielmehr auf den Körpern, darauf, Menschen zu betrachten und Fremde als Modelle zu verwenden. Wir leben als Körper im Raum, als Tiere, und wir sind uns der anderen Menschen um uns herum immer bewusst. Dadurch, dass ich sie beobachte und ihre Abbilder schaffe, sehe ich mich selbst und kann mich auf den gemeinsamen Raum, den wir bewohnen, einlassen.

Julian Opie