Judith Eisler

06.05.–29.08.2009

Campino wusste schon 1987, was los ist: „Solange Johnny Thunders lebt, solange bleibe ich Punk.“ Als sein Idol nur vier Jahre später,
am 23. April 1991 in New Orleans an den Folgen seiner Heroinabhängigkeit verstarb, musste der Sänger der deutschen Punk-Band „Die Toten Hosen“ den Text von „Das Wort zum Sonntag“ neu schreiben: „Hey Johnny, kannst du uns grad sehn’n? Wir vergessen dich nicht! Wir werden überall von dir erzähl’n, damit dein Name ewig weiterlebt.“

Aber im Grunde müsste man das alles gar nicht wissen. „J.T.”, ein großformatiges Bild von Judith Eisler, zeigt Johnny Thunders, ohne Johnny Thunders darzustellen. Die Figur des Rockstars, klassisch voll Trotz und Verschlossenheit in der Körperhaltung, ewig gültig mit der E-Gitarre als Insignium seiner Lebenseinstellung, hat Eisler auf der Internet-Plattform YouTube gefunden. Ein Moment aus einem Musikvideo übersetzt in Licht und Farben.

„Ich arbeite mit Bildern aus verschiedenen Filmen, wobei ich üblicherweise sofort erkennbare Bilder vermeide, da die Arbeiten dadurch zu aufgesetzt und zu bemüht wirken würden.“, hat sie einmal über ihre Arbeiten gesagt. Bilder wie eben „J.T.“, aber auch „Paul and Liz“, „Marianne”, „Tina”, „Columbia“ oder „Blondie“ sind Fundstücke aus dem elektronischen Gedächtnis der Popkultur. „Photographie, das ist die Wahrheit. Und der Film ist die Wahrheit 24 mal in der Sekunde.“ Dieses Zitat von Jean-Luc Godard bezieht sich auf die Geschwindigkeit, mit der eine Filmrolle durch den Projektor läuft. Judith Eisler, eine leidenschaftliche Cineastin, findet solche Wahrheiten auf den Standbildern ihres Videorekorders und verwandelt sie in abstrakte Geheimnisse. In Rätsel, die weder Fragen stellen noch Antworten geben, dafür aber ebenso realistisch wirken wie geheimnisvoll.

„Ich muss mit bekannten Bildern arbeiten und möchte sie in etwas Wildes, man könnte sogar sagen Nacktes verwandeln. Es ist, als ob man den Filter wegnehmen und das Bild aus seinem Kontext lösen würde. So gesehen, steht meine Malerei immer in einer Beziehung zu den Bildern. Malerei ist für mich ein Mittel, um Ideen zu kommunizieren.“

Auf dem ersten Blick zeigt „Paul and Liz“ eine Einstellung aus Richard Brooks’ Hollywood-Version von Tennesse Williams’ Beziehungsdrama „Cat on Hot Tin Roof“. Und „Blondie“ das Gesicht der Sängerin Debbie Harry. Aber könnte das nicht genauso auch eine anonyme Frau mit einem dunklen Geheimnis sein? Mit Sehnsucht in den Augen und Narben auf der Seele? Und die anderen, dieser Mann und diese Frau, wer die sind, was die tun, eigentlich bleibt die Antwort dem Betrachter überlassen.

Es macht Sinn, dass diese Bilder umso abstrakter werden, je näher man an sie herangeht. Es braucht einigen Abstand, um ihren Ursprung zu erkennen. In der Nähe überwiegt das Geheimnis.

Judith Eisler arbeitet wie ein Regisseur, der den Zuschauer auf eine Fährte führt und dann alleine weiter gehen lässt. Ihr Kino spielt im Kopf. Sowohl in ihrem als in dem des Betrachters. Das Ergebnis können unterschiedlichste Bilderwelten sein, die sich aber jeweils auf dasselbe Bild beziehen. So ist „J.T.“ wirklich Johnny Thunders und gleichzeitig auch ganz wer oder ganz was anderes. Es gibt nämlich ein Sehen nach dem Blick. Im Leben sowieso. Und bei Judith Eisler ganz besonders.

Peter Krobath