Maria Hahnenkamp

07.03.–21.04.2007

Möglichkeitsbedingungen für eine radikal bedingte Form der Handlungsfähigkeit

Maria Hahnenkamp widmet sich in ihren neuen Arbeiten dem (weiblichen) Körper als Träger gesellschaftlicher Ein- bzw. Überschreibungen. Dabei schließt sie inhaltlich an Werkgruppen der vergangenen Jahre an und entwickelt diese weiter. Neben zwei neuen Fotoserien zeigt die Künstlerin auch zwei Videoarbeiten.

Seit 1994 bestickte Maria Hahnenkamp in aufwendiger Handarbeit Fotos (und bestichelte auch deren Passepartouts) mit filigranen Mustern, die aus religiösen Vorlagenbüchern aus dem 19. Jahrhundert stammen. Die Lineamente legen sich über den fotografierten, in der Darstellung fragmentierten Körper und durchdringen ihn gleichzeitig. Das Ornament in seiner idealen, reinen Konzeption wird über die Darstellung des (imperfekten) weiblichen Körpers gestülpt. Der Aspekt des gewaltsamen Durchdringens des Körpers rückt in der neuen Serie „Cut-Out“ noch deutlicher in den Vordergrund, die Muster werden hier direkt in das Foto und damit auch in die abgebildeten Körper digital eingeschnitten.

In der Fotoserie „Text/Ornament“, auf das auch das Video „V3/05“ Bezug nimmt, folgt das bestickte rote Kleid den gegen eine Glasscheibe gedrückten Bewegungen seiner Protagonistin. Das Ornament verliert dadurch seine strenge Idealität, umschließt den Körper jedoch dennoch wie einen Panzer. In beiden Werkserien tritt das Ornament in ein Wechselspiel mit dem dargestellten Körper: Während das Ornament in der einen Serie den Blick auf den Körper verstellt bzw. sich über die Körperoberfläche legt, sucht sich in der anderen Serie der Körper von der Strenge des Ornaments zu emanzipieren. Doch der Druck gegen die Scheibe zwingt den Körper quasi in die Fläche zurück, abstrahiert und deformiert ihn damit auch ein Stück weit. In beiden Fällen bleibt der Blick am Ornament hängen, Körper- und Fotooberfläche durchdringen sich. Hahnenkamps ProtagonistInnen sind grundsätzlich entindividualisiert dargestellt, ihre Körper haben keinen Raum und keinen Ort.

Seit 2005 arbeitet Maria Hahnenkamp auch verstärkt mit Texten, die sich in erster Linie auf geschlechtsspezifische Zu- und Einordnungen beziehen. Hauptsächlich stammen diese aus Judith Butlers Buch: „Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung“ (1997) und Butlers Text „Performative Akte und Geschlechterkonstitution“ (1997), in denen sie naturalisierte Konzeptionen von Geschlechterzugehörigkeit auf ihre Konstitution hin untersucht. Geschlechteridentität wird von Butler als performative Leistung gelesen, die durch gesellschaftliche Sanktionen und Tabus erzwungen wird. Hahnenkamp greift in den neuen Fotoarbeiten und im neuen Video „V4/07“ Überlegungen Butlers zu den Erscheinungen von Macht auf: Von den Bedingungen des Subjekts hin zu seinen Wirkungen, von Reglementierungen der Psyche, der Verinnerlichung von Normen bis hin zur Subjektivation/Unterordnung und Emanzipation. Die Ambivalenz in der Entstehung des Subjekts: „als Effekt einer vorgängigen Macht sowie als Möglichkeitsbedingung für eine radikal bedingte Form der Handlungsfähigkeit“(1), die Butlers theoretische Untersuchung leitet, wird von Hahnenkamp bildhaft übersetzt. Ihre Auseinandersetzung mit Körper-Diskursen erweitert sich hier um Bild-Diskurse.

In der Werkserie „Text/Ornament“ umwickelt Hahnenkamp Frauenkörper mit Textbändern (2) (die Texte sind auf durchsichtige Folien aufgebracht), die sich accessoiregleich den Körpern anzupassen, anzuschmiegen scheinen. Dieser Eindruck wird durch den ornamentalen Charakter der Textpassagen noch verstärkt. Aus einer anderen Perspektive betrachtet, sind die Bänder nicht bloß schmückendes Beiwerk, sie umklammern die Torsi und lassen den weiblichen Körper selbst als Ort gesellschaftlicher Zu-, Ein- und Überschreibungen sicht- und lesbar werden.
In der Serie „Cut-Out“ verbindet sich das eingeschnittene Ornament mit der Bildfläche und durchdringt die abgebildeten Körper. Der bereits mit fotografischen Mitteln fragmentierte Körper wird – im Sinne eines doppelten Gewaltaktes – nochmals zerschnitten. Sichtbare Druckstellen machen deutlich, dass auch diese Fotos durch eine Scheibe aufgenommen wurden. Die Glasscheibe fungiert dabei als „Screen“ im psychoanalytischen Sinne: Diese Projektionsfläche bildet und reguliert das Verhältnis des Subjekts zur Realität, die nicht unmittelbar sondern vermittelt erscheint.

Die Penetration durch Ornament, Sprache und Blick markiert Momente der Gewalt und der Macht und macht den Zusammenhang zwischen Blick, Sprache, Macht und Gewalt sichtbar. Gesellschaftliche Normierung gibt sich damit wesentlich durch Sprache und Blick gesteuert und als Effekt kultureller Prozesse zu erkennen. Hahnenkamp selbst schaltet sich mit ihrer künstlerischen Arbeit aktiv in diese Prozesse ein: Sie steuert ihrerseits den Blick und schneidet in die Fotos, deren Illusionsschicht sie dabei zerstört. Die Künstlerin doppelt einerseits gesellschaftliche Mechanismen von Macht und Gewalt und eignet sich diese andererseits in einem emanzipativen Akt an, durchaus im Wissen, dass die eigene Handlungsfähigkeit von eben dieser Macht bezogen wird gegen die sie sich gleichzeitig stellt.

Barbara Steiner

(1) Cf.Judith Butler, Psyche der Macht, 1997, S. 19
(2) Hahnenkamp entnimmt den Texten Butlers u.a. auch Zitate von Sigmund Freud, Michel Foucault, Friedrich Nietzsche.