Otto Zitko

07.09.–21.10.2000

Elisabeth Schlebrügge
OTTO ZITKO – „ICH LIEBE DIE GEGENSTÄNDLICHKEIT“

Otto Zitko arbeitet gerne „vor Ort“, „in situ“. Er betrachtet es als Herausforderung und auch als Gelegenheit, sich in einem neuen Raum zu erfahren. Das kann in einer fremden Stadt geschehen, in einem anderen Erdteil, oder auch nur ein zwei Planquadrate weiter, in einer privaten Wohnung oder in einer
Galerie.
In seiner Ausstellung in der Wiener Galerie Krobath Wimmer hat er darauf verzichtet, direkt an der Wand zu arbeiten; trotzdem ist sie in der Gesamtheit aller Bilder in diesem Raum entstanden, auf Platten seines aktuellen Materials, glatte vorgefertigte Industrieflächen zugeschnitten auf die Erfordernisse des Raums. Sie fügen sich ein in die Umgebung und setzen doch ein distanzierendes Moment.
Während in den letzten Jahren die Expansion dominiert hat, er immer wieder großflächig unmittelbar auf Wänden gearbeitet, Räume, ganze Gebäude gestaltet hat, (wie zum Beispiel bei der Biennale di Venezia 1999, in Harald Szeemanns „dAPERTutto“), bringt er (gerade)? wieder abnehmbare Bildträger ins Spiel und ist dabei, auch wieder(?) die Formate zu wechseln, sich „zurückzutasten“. Er will nicht festgelegt sein, nichts haßt er so wie Erstarrung, Wiederholung, die, inhaltslos geworden, zur blanken Manier wird. Auch der Untergrund, mit dem er experimentiert, hat immer gewechselt, Papier, Holz, rußgeschwärzte Glasscheiben, Aluminium, ebenso wie die Kombinationen von Graphit, Tusche, Acryl, Ölstiften, Schlemmkreide etc. Formate sind Variable, die expandieren (sich ausdehnen??) können oder sich zusammenziehen, nie jedoch ohne einer inneren Gesetzmäßigkeit zu entsprechen, die der Künstler als kohärent bestätigen kann.
Gegenwart knüpft Fäden zur (eigenen) Vergangenheit:
Nach Jahren der Abkehr von der „Malerei als Malerei“, der Dominanz des Graphischen, Zeichnerischen wieder eine Auseinandersetzung mit Farbe; was passiert, wenn eine zweite Farbe hinzutritt, Tiefendimension, weg vom Planen; Farbfelder durch die Häufigkeit der Striche, „colour fields“, die zu oszillieren beginnen im direkten Gegenüber. Eine Art lockere Monochromie, kompakte Flächen durch diese verwischten Übergänge, nicht strikt abgesetzt, die Linien;(?,) Farbkerne, die entstehen, wenn etwas ausgelöscht, zugestrichen wird, schriftloses Palimpsest, die Durchstreichungen, Zumalungen, ohne zu warten, daß die Stifte trocknen; zum Beispiel dieses gewisse Zitronengelb, das so stark ist, daß es in den Augen schmerzt, aus dem Zentrum des Blicks gerückt, aus dem Blickfeld geraten(?), jäh an Aufmerksamkeit verliert.

Kondensationen, Verdichtungen: aber keineswegs ein explodierender Kraftprotz, auch empfindlich, empfindsam, manchmal geschwächt, bresthaft, schlafgestört, der Körper in Aufruhr, Erschöpfungszustände; manchmal ein (höchster??) Aufwand, es erfordert Geduld, die Kräfte zu sammeln, als würden sie nur zögerlich in den Trichter tröpfeln, bis die Entschlossenheit wächst, bis er mit gespannter Aufmerksamkeit der leeren Fläche gegenübertreten kann, seinem Gegner oder seinem Tanzpartner, wie er es in (etwas?) abgemilderter Form seinen Zuhörern zu erklären versucht, jedenfalls zwei, von denen wechselseitig einer versucht, die Führung zu übernehmen.
Attackieren, einzudringen versuchen; Verschmelzungssehnsucht und Zeichnen als Kampfsport; er, ehemaliger Florettfechter, hält die Lehre seiner Fechtmeisterin präsent: welche eng umgrenzte Angriffsfläche(und zugleich: Verteidigungsfläche), welch kleines Quadrat aus dem Handgelenk nur den eigenen Körper und den des Gegners repräsentiere, man könne natürlich auch heutige Kampfsportarten zum Vergleich hernehmen, aber er sei „eben mit d’Artagnan aufgewachsen“, und spätestens seit Baudelaire das Duell, „ces cliquetis du fer“(das Klirren der Klinge), feststehende Kunstmetapher.

Auf jeden Fall: bedingungsloser Einsatz des Körpers, Kreis und Kreuz, wie die schematische Figur Leonardos mit ausgebreiteten Armen, so genützt, die Reichweite des Arms, Gewichtsverlagerung im Oberschenkel, leicht die Knie gebeugt, Ausfallschritt (wie beim Fechten). Oder eine Entsprechung mit dem Luftreservoir, dem Atem, dem Pneuma, Experimente mit einem medizinischem Apparat zur Überprüfung der Lungenfunktion mit dem Ergebnis seinen Zeichnungen verblüffend ähnlicher „Spirogramme“, Aufzeichnungen der „Atemschrift“(Christian Kravagna).
Nicht das Konzept, das vorausgeht, Emanationen des Körpers, unmittelbar, und dann ihnen nachgesonnen.
Aufmerksam gegenüber den Verbindungen, den Schaltstellen zwischen Körper und Seele, den Zuständen und Befindlichkeiten, als wäre er eingedenk Robert Burtons Beschreibungen in der „Anatomie der Melancholie“(1621): „Wir werden von unseren Leidenschaften in Stücke gerissen, als wären unsere Gliedmaßen an auseinanderstürmende Pferde gefesselt.““.

Mit vierzehn oder fünfzehn, sagt Otto Zitko, sei sein Entschluß festgestanden, Maler werden zu wollen; dann habe er bis zur Matura dem Ende der Schule entgegengeschlafen.

Entscheidend seien die langen Sommer auf dem Lande gewesen, im Haus der Großmutter, am Chiemsee, da habe sich ihm die Landschaft eingeschrieben, das Moor, die Fläche des Sees, die Berge im Hintergrund, und die Weiden, vor allem die Weiden (in der Nähe: Jawlensky und Gabriele Münter am Staffelsee): eine malträchtige Landschaft, aber auch eine überlebensgroße Figur am Horizont, der verstorbene Großvater, durch Zufall und Kriegswirren nach Bayern verschlagener Offizier der k.und k. Armee, eine Heldengestalt, die seinen Blick der Vergangenheit zuwendet, Phantasien für erste Berufswünsche nährt, etwa Kaiser zu werden, oder zumindest König wie der König Ludwig. Vorübergehende spätere Faszinationen, Priestergewänder oder Rennfahrerkluft (Jochen Rindt, eine Ikone der Zeit), resultieren aus denselben Quellen: dem Interesse für die Insignien, Hoheitszeichen des Besonderen, den Glanz, für ästhetische Zeichensetzung, ...aber vielleicht auch das Unerforschliche, Unergründliche, Geheimnis, Mysterium.
Sich verbunden fühlen mit etwas Vergangenem: „Im Grunde bin ich ein Romantiker.“.
Alle Klischees der Künstlervita erfüllt, spottet Otto; der Rittmeister auch ein aktiver Liebhaber der Malerei, tatsächlich finden sich auf dem Dachboden eingetrocknete Ölfarben, Kunstpostkarten mit Rubens und Rembrandts, eigenhändig geschnitzte Tiere.
Mit vierzehn also sei sein Entschluß festgestanden, und nie wieder in Zweifel gezogen. Er hätte es als seine Weise begriffen, in Relation zur Welt zu treten, nicht immer nur ein freudvolles, sondern auch ein schmerzensreiches Verhältnis: das Zeichnen ein Rückzugsort für das Kind, das vom Fenster der elterlichen Wohnung im dritten Stock den auf der Straße spielenden Kindern zuschaut; das Zeichnen eine Zuflucht, aber auch ein Mangel, ein Manko, eine Entbehrung, ein Lebensverzicht.

Mit dem Abzeichnen habe es angefangen, Vögel aus dem Buch statt Vögel vor dem Fenster, in der Angst, nicht genug Phantasie zu haben. Weisen der Annäherung an die Welt.
Die ersten Lehren der ersten Kunsterzieher schon: die Entschlußkraft, die Treffsicherheit der Hand, nie ein Lineal angegriffen und den Radiergummi in hohen Bogen aus dem Fenster geworfen. Und es ist immer seine persönliches, subjektives Annäherung an die Verhältnis zur Welt, dieas er in seiner künstlerischen Arbeit thematisiert, ohne jedoch die Entwicklung der Kunstgeschichte außer acht zu lassen. Das Kalkül, das Konzept, die Reduplikation des Bestehenden, der präfabrizierten Bilder, sei es in kritischer oder in affirmativer Absicht, ist seine Sache nicht, nie gewesen.
Die Beschäftigung mit dem Gegenstand, mit der Figur schien ihm immer auch einem Verbot zu unterliegen, die Frage nach dem „warum“ nicht schlüssig genug zu beantworten, und er beneidet seine Generationsgenossen, die die Position der Neuen (wilden) Malerei vertreten, die dieses Tabu nicht kennen, vielleicht aus Unbekümmertheit oder Gleichgültigkeit ohne Scheu sich jedem Objekt, jeder Figur zuwenden können.
Im Ringen um das Sujet und , die Vverführtung durch die Gegenstände : ein Rettungsversuch der Verlagerung auf die Malweise, den Strich, die Schraffur, bis diese selbst Körperhaftigkeit gewinnt, zum Gegenstand wird.
Manchmal Kerne möglicher Bedeutungen, Wiedererkennbarkeiten, durchgestrichen, übermalt oder stehen gelassen. , Erinnerungsspur, Assoziationsknoten für den Betrachter...
Vielleicht interessiert ihn gerade der Schwebezustand, jener Zeit ähnlich, in der das Kind sich zu orientieren beginnt im Dschungel zwischen Bedeutendem und Bedeutungslosen, beginntanfängt, wiedererkennbareZeichen herauszulösen, sich herantastet an etwas wie eine festgelegte, einer Konvention unterliegende Sinnstruktur, die Existenz des Alphabets entdeckt, der Zahlen und Buchstaben.
(„Kennst du diese Buchstaben?“ „oOb ich sie kaenne oder ob ich sie kaenne?“ Nachahmen, Wiederholen, Ausführen, ohne sicheren Besitz der Alchemie des Lesens....)

Keineswegs aber handelt es sich bei den Arbeiten Otto Zitkos um Kinderzeichnungen; wohl scheinen die Zeichnungen aus diesem Impuls zu stammen, wo der spontanen Bewegung der Hand gefolgt, wird, die Bedeutungen nicht sicher zugeordnet,das Ergebnis im vielmehr aus dem Augenblick des Entstehens gedeutet wirdwerden; etwas davon vielleicht auch im Betrachter spürbar, der in Berührung gerät mit Verboten aus der eigenen Kindheit, nicht etwa frischgetünchte Wände zu bekritzeln, jener leichte Schauder vor dem Verbot und der Lust an der Überschreitung zugleich.

Der Künstler selbst, erstaunt über das, was er erkennen kann, von dem er nicht ausgegangen ist; ...manchmal läßt er zu, daß sich etwas verdichtet, an etwas erinnert.
Ein Zeichen nicht als Kalkül, als Zusammenfassung dessen, was gedacht wird, sondern etwas, das sich ergibt, dann, après coup, sich einfügt in das, was gedacht wird.
Otto Zitko, der Abstraktion verschrieben, läßt es zu, daß manchmal sich etwas einschleust, das als Form dekodiert werden kann, Schulter, Geschlecht, Fledermaus, ein Sinnknoten entsteht, der niemals eindeutig ist, aber doch für den Künstler einen heimlichen, unveröffentlichten Titel bereithält, oder Schlingen auslegt für die Assoziationen des Betrachters. Beziehungsweise dem Betrachter ein Assoziationsangebot macht, immer ohne eindeutige Festlegung.

Nach der Matura geht Otto Zitko an die Hochschule für Angewandte Kunst in Wien, im Kopf Erinnerungsspuren, Leuchtzeichen davon, wie Kunst und der Künstler im Bild erscheinen können: Kirk Douglas als Vincent van Gogh, Anthony Quinn als Paul Gauguin, Andrej Tarkowskijs Ikonenmaler Andrej Rubljow, Fritz Langs Nibelungen. In den frühen achtziger Jahren treffen sich in der Meisterklasse von Professor Tasquil, Gleichgesinnte, die einander zum Teil bis heute zumeist durch Gemeinsamkeit in der Fragestellung, in Freundschaft und Zuneigung verbunden sind, unter anderen Herbert Brandl, Heinrich Pichler(GangArt), Gerwald Rockenschaub, Gilbert Bretterbauer und Gunter Damisch, der an der Akademie am Schillerplatz studiert.
Verbunden auch durch ihr gemeinsames Wahrgenommenwerden in Gruppenausstellungen im Kontext der Malerei, mit mythischen Titeln: „Woher sind wir wieso gekommen“ (Graz und Köln), „Hacken im Eis“ (Bern und Wien), Gruppen- und Einzelausstellungen in der neugegründeten Galerie Pakesch. Eine wichtige Wegmarke für Otto Zitko ist seine erste Teilnahme an der Biennale in Venedig, ausgewählt von einer internationalen Jury für Aperto 1986. Zu Venedig hat Otto Zitko ein nachgerade persönliches Verhältnis, einer seiner ersten großen Eindrücke auf einer seiner ersten Fluchten, und nach Venedig fährt er immer wieder, zwischendurch, zum Atemholen,etwa die Scuola di San Rocco, Tintoretto, einer seiner liebsten Maler, wo er etwas davon findet, immer noch und immer wieder, von diesem Erfaßtwerden, Berührtsein, diesem körperhaften Gefühl im Kontakt mit „wirklich guter Malerei“.
Er selbst entscheidet sich Ende der achtziger Jahre gegen die Malerei und für die Zeichnung; der Strich, die Linie tragen ihn, er verläßt den wohlformatierten Rahmen und breitet sich auf der Wand aus. Das erste Mal in der Atelierwohnung des Künstlers Vadim Zakharov, der damals in Wien lebte lebte und arbeitete.( der gemäß der Tradition seiner russischen(Moskauer?) Untergrund-Heimat parallel zur „offiziellen“ Ausstellung in der Galerie Pakesch seine Freunde zu einem Fest geladen hat und dazu, Arbeiten mitzubringen: dort blitzt sie zum erstenmal auf, die Idee, nicht wieder etwaas zurück nach Hause zu tragen, und) Otto Zitko zeichnet auf die Wand in einem drei Quadratmeter großen Raum, und dann erst folgen sie, die Einladungen in Galerien, Kunstvereine, Museen, dortselbst desgleichen zu tun, von der Stiftungd De Appel-Stiftung in Amsterdam (zusammen mit Franz West), über die Secession bis zur Triennale in Indien: in der National Gallery of Art in Neu Delhi hat er den zentralen Raum gestaltet, die darübergewölbte Kuppel inklusive.

Manchmal hadert er mit der Unausweichlichkeit der Aufgabe, Linien zu verfolgen, Spuren zu bewahren, umzusetzen...
Als wäre es sein Schicksal, forza del destino, Obsession und pure Sklaverei.Sein ganzes Leben habe er eigentlich nichts anderes gemacht. Farbgedächtnis habe er eigentlich keins, kein Farbhirn wie der Herbert (Brandl), seine Wahrnehmung gelte den Spuren, er müsse auf eine Ebene rekurrieren, die nicht mit der Vorgabe des Alphabets („Analphabet“, hat er eine Serie von Zeichnungen einst genannt...) zu entschlüsseln, jedoch keineswegs bedeutungslos sei, ähnlich den Modulationen von Stimmen, Gesten, Berührungen.

Jene Einschreibungen außerhalb des wachen Bewußtseins, unter deren Diktat man sich zum Beispiel verliebt, unerbittlich und verständnislos, zum “Gefangenen einer Bewegung einer Hand oder eines Blicks“(Jacques Hassoun) wird.
Vielleicht jene Spuren, zwischen Körper und Sprache, früh implantiert, verantwortlich für Liebesdisaster und...Wiederholungsschlingen für das Sich-Verlieben, Stimme und Blick,getroffen von derder Stirn streicht ?


Im AIm Atelier zeigt Otto Zitko mir einen an die Wand gelehnten Stapel seiner neuesten Bilder, alle mit diesen dicken Ölsticks auf weißem glattem Aluminium, übermannsgroß, beziehungsweise in jener Größe, in der der Maler sie mit ausgestreckten Armen noch bearbeiten kann; auf dem obersten springt die Zeichnung in einen Kreis im oberen Drittel des Fadenkreuzes zusammen. Als ich mich umdrehe, sehe ich in Augenhöhe eine bastumflochtene Schießscheibe am Fenster hängen, wie die Kinder sie zum Bogenschießen verwenden; ob er deswegen das Bild gemalt hat? Nein sie ist da wegen der Bilder, deswegen hat er sie gekauft.

© Elisabeth Schlebrügge