Otto Zitko

07.09.–13.11.2010

getting hot

“Obviously a drawing of a person is not a real person, but a drawing of a line is a real line.“
(Zitat aus: Andrew Wilson, "Sol LeWitt Interviewed", in: Sol LeWitt, Critical Texts, hg. v. Adachiara Zevi, Rom 1995, S. 125)

Beschäftigen wir uns mit der Bedeutung der Linie in Otto Zitkos Arbeiten, so sehen wir, dass er diese sehr bewusst auf verschiedene Weise einsetzt. Auf die operativen Möglichkeiten der jeweiligen Situation eingehend, öffnet er manchmal einen Illusionsraum, in den sich die Zeichnung entwickelt, dann wieder konzentrieren sich die Liniennetze auf den architektonischen Realraum ihrer Umgebung. In seinen allover Raumzeichnungen, beispielsweise zuletzt im Arnolfini, Bristol, und im Hamburger Bahnhof, Berlin (noch bis 31. 12. 2010), übernimmt die Linie die Funktion, räumliche Struktur und Ausdehnung zu bezeichnen. Die Linie wird hier in Interaktion mit der Architektur selbst zum autonomen Thema. Betrachten wir jedoch seine oft seriellen Arbeiten auf Aluminium oder Papier, finden wir immer wieder Ansätze, in denen die Linie auf ein Thema jenseits der Zeichnung selbst verweist und eine illusionistische Projektion in unserer Wahrnehmung auslöst.

In der Ausstellung getting hot bei Krobath Berlin zeigt Otto Zitko eine Serie von großformatigen Alutafeln, die wir – wenn wir dies wollen – als eine Art „Ausdruck“ eines psychophysischen Ereignisses lesen können. Möglicherweise ist es der Intimität und Abgeschiedenheit des Ateliers geschuldet, die den Künstler dazu ermutigt, sich einem privaten Selbst hinzugeben. Anders als bei den raumgreifenden In-situ-Arbeiten tritt der analytische Aspekt in den Hintergrund. Hier muss nicht auf Perspektiven, Blickwinkel und die Übereinstimmung mit äußeren Fakten geachtet werden. Auch fällt der Aspekt des körperlichen Einsatzes weg, der bei den Raumarbeiten sehr bewusst eingeteilt und gesteuert werden muss. Der Künstler kann sich dem Prozess einer inneren geistigen und körperlichen Erfahrung hingeben.

Schon der Titel der Ausstellung weist in seiner doppelten Bedeutung auf ein sinnliches Erleben hin. Es wird heiß und heißer. Angesichts der sommerlichen Hitze zum Zeitpunkt des Entstehens ist das durchaus auch wortwörtlich zu nehmen. Es entstehen blutrote, ellipsenförmige Gebilde, die nicht zufällig an die weibliche Vulva erinnern. Ein hypnotisches Kreisen um sich selbst ist es, auf das sich Otto Zitko zunächst einlässt. Er schreibt bzw. zeichnet sich in einen äußerst privaten Zustand hinein. Privat deshalb, weil er in diesem Moment weder auf eine Übereinstimmung mit äußeren Fakten achtet, noch den Anspruch erhebt, eine verifizierbare Aussage zu treffen. Die Lesart bleibt offen, verweist jedoch in der Wahrnehmung auf die jeweils eigene Projektion, die wir in das Ergebnis legen. Die Linie dient in diesem Fall dem illusionistischen und psychomotorischen Ausdruck.

Das Bild imaginiert sich im Augenblick des Tuns. Die Distanz zwischen dem Künstler und seinem Objekt wird zunehmend geringer bis zu dem Punkt, an dem „alles vor den Augen verschwimmt“ und der distanzierte Blick, die Kontrolle über den kritischen Verstand, verloren zu gehen droht. Denken und Fühlen werden zum unbewusst gesteuerten Zeichenfluss. Erst der Schritt zurück, die wieder gewonnene Distanz erlaubt eine Analyse. Otto Zitko rettet sich selbst aus einem schlafwandlerischen Zustand, verschafft sich Überblick und klare Sicht. Entschlossen setzt und wiederholt er in blau, schwarz und silbern einige wenige Linien, die korrigieren, verstärken oder hervorheben. Dieses Korrektiv setzt einen formalen Abschluss mit einer signalhaften Geste und zeugt vom Wiedererlangen von Kontrolle und klarem Bewusstsein.

Mit Focus auf die jeweiligen Bezugssysteme – Produktions- und Wahrnehmungserfahrungen, unterschiedliche Wachzustände, begleitet von Momenten des Nicht Genau-Sehens aber auch des besonders klaren und analytischen Blicks, Vermittlung von Ausdruck und konzeptuellem Einsatz etc. – treffen wir bei Otto Zitko auf immer wieder verschiedene Spielarten seines Liniensystems.

© Linda Klösel, Wien 2010