Anna Meyer

08.02.–22.04.2015

Galerie Krobath I Berlin präsentiert in einer Einzelausstellung die neuen, gesellschaftskritischen Arbeiten von Anna Meyer. Der an Shakespeares Drama „Sein oder Nichtsein“ angelehnte Titel ihres Werkkonvoluts thematisiert den Zwiespalt unserer modernen Existenz. In einem digitalen Zeitalter, wo Internet und Social Media alle Lebensbereiche des Menschen zunehmend durchdringen, stellt sich die philosophische Grundfrage nach der Realität unserer Welt umso schärfer: Was bedeuten heute noch Wirklichkeit und Freiheit, wo finden wir diese und wie erleben wir sie?

Anna Meyers Bilderwelten bestechen durch ihren inhaltlich-formalen Kontrast. Die technisch düstere Vision unserer sozialen Gegenwart wird durch die sonnen- und lichtdurchflutete Farbpalette in ihr humorvolles Gegenteil verkehrt. Die Künstlerin bedient sich damit dem rhetorischen Verfahren der Verkehrung, das sich schon in den Theaterstücken von William Shakespeare wiederfindet. So sind in dem Bild „Welt Du Strichcode“ die Grenzen zwischen der technologischen Apparatur und ihren Konsumenten längst verschwunden. Eine Gänseschar mit Peilsendern auf dem Kopf marschiert zum neueröffneten Apple Store im Kö-Bogen Düsseldorf. Der Warentempel mit seinen Besuchern entpuppt sich als symbolträchtiger Todestempel. Neben dem Apfel-Zeichen des Konzerns leuchtet der menschliche Schädel gleich einer Piratenflagge. Der Schriftzug darunter „Die Sekte mit der aus dem Paradies vertreibenden Frucht als Logo“ unterstreicht die philosophisch-religiöse Dimension des Bildes. Eine rechts stehende Figur ruft das bekannte Zitat aus Hamlet in Erinnerung: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“. Gleich einem Denkmal starrt sie auf ihren iPad wie in einen Spiegel. Die Tragik der inneren Zerrissenheit von Hamlet wird hierbei äußerlich spürbar. Architektur und Technik, Mensch und Tier sind in dieser digitalen Welt gemeinsamer Ausdruck eines gigantischen Datenflusses, der zutiefst kapitalistisch geprägt ist. Die geschwungene Glasfassade leuchtet dabei wie ein Strichcode in den Himmel. Auch in anderen Stadtbildern von Anna Meyer finden sich die Insignien unserer modernen Großstadtkultur wieder: Handys, Drohnen, Selfies und Apps lassen den Menschen als ferngesteuerte Cybercharaktere in einer weltumspannenden Tragödie erscheinen. Fassaden werden zu Displays und Graffitis zu mahnenden Textbotschaften, die unser Handeln systemkritisch in Frage stellen.

Der religiöse Kontext dieser Darstellungen ist in den dreidimensionalen Modellen ebenfalls deutlich sichtbar. Zum Beispiel in „Smartphonemadonna“, in der märchenhafte Froschfiguren auf die heilige Jungfrau Maria und den Internetrouter Netgear treffen. Diese plastische Melange aus Technikschrott und christlicher Devotionalienkunst belegt einmal mehr die besondere Ironie und den Humor der Künstlerin. Kitsch ist hier nicht reiner Selbstzweck, sondern bietet einen witzigen Kommentar zu den Dingen, die wir in unserem Alltag bewusst oder unbewusst verehren. Technikgläubigkeit und die Hinwendung zu Gott präsentieren sich als unheilvolle Allianz einer modernen Warenwelt. Die traurige Brisanz dieses pointierten Dialogs zeigt sich vor allem in dem via Kopfhörer schwarz vermummten Schreckgespenst des Fundamentalismus.

Erst im Blick auf und hinter die Kulissen werden wir uns der eigentlichen Theatralität unserer modernen menschlichen Existenz bewusst. Hierin liegt die große Stärke von Anna Meyers Kunst, sich und der anderen im gemeinsamen Umgang mit der Welt gewahr zu werden. Der Betrachter schaut sich selbst beim Leben zu - in künstlerischer und menschlicher Freiheit gegenüber der Technik und ihrer angeblichen Herrschaft.

Sabina Mlodzianowski