Sofie Thorsen

08.03.–17.04.2019

Welches Potenzial steckt in einer Linie? Mit der Schlagschnur an die Wand geschnalzt findet sie einen Widerhall in der benachbarten Raumkante, sie markiert den Übergang zwischen zweidimensionaler Fläche und dreidimensionalem Bildkörper oder ist als Sequenz auf Bildpaneele gesetzt. Die Schlagschnur verfügt von ihrer eigentlichen Verwendung her – als im Bauprozess erprobtes Mittel zur Markierung von geraden Linien – bei aller Archaik über die Kraft der Raumsuggestion. Eine einzelne Linie kann eine Fläche zum Raum hin aufbrechen oder in ihrer Reduktion Leerräume aktivieren. Im Verbund provozieren die unterschiedlichen Strichstärken und Bezüge den Eindruck von Räumlichkeit oder zeigen konkrete Raumperspektiven an. Darüber hinaus stellt diese Art von Strich auch eine zeitliche Verdichtung dar: Das geschnalzte Pigment ist Spur einer vergangenen wie auch Prämisse einer künftigen Handlung. Als Gerade ist die Linie darüber hinaus mit Eigenschaften wie Kontrolle, Effizienz und Dominanz konnotiert. Schließlich wird sie durch das technische Dispositiv des Abdrucks der pigmentierten Schnur erzielt, der sowohl von Nähe und Berührung wie auch – als indexikalisches Zeichen – von Abwesenheit spricht.

Neben diesen Schlagschnurmarkierungen, die in Sofie Thorsens Arbeiten der letzten Jahre ein wiederholt eingesetztes Mittel zur Reflexion von Flächen-, Raum- und Zeitgefügen waren, finden sich nun aber vorwiegend solche mit neuen, teils konträren Qualitäten: Die Gerade ist der freien Linie gewichen, die Kontrolle dem Zufall, die Gespanntheit der Entspannung. Der strenge Rapport nebeneinandergesetzter Geraden ist zugunsten einer fallweisen, immer beiläufigen Begegnung aufgegeben. Was jedoch bleibt ist der Grad an Räumlichkeit, die der Abdruck einer herabfallenden, pigmentierten Schnur auf einer Fläche zu erzielen imstande ist. Mit minimalen Mitteln wird die Unendlichkeit des Bildraumes evoziert.

In der Werkgruppe der Collagen wird diese freie Linie wieder in die Fläche rückgebunden, um Räumlichkeit auf eine wieder andere Weise entstehen zu lassen. Die Linie dient nun als gestaltdefinierender Umriss. Die Künstlerin extrahiert die zwischen den Strichen entstehenden Flächen, aktiviert durch Bemalung die Materialität des sich wölbenden Papiers und fügt die Schnitte collageartig in kleinformatigen Bildobjekten zusammen. Linie, Fläche und Raum sind zu einem Relief verdichtet. Ein solches ist ursächlich auf seinen physischen Kontext bezogen: Als dreidimensionale Ausstülpung oder Einkerbung verliert ein Relief nie die Relation zur benachbarten Fläche, jede Bewegung in den Raum bleibt im Zweidimensionalen verankert. In Sofie Thorsens Präsentation ist die Wand jene fundamentale Fläche, auf der Schlagschnurmarkierungen gesetzt oder Bildpaneele gehängt werden – von der demnach alle faktischen wie evozierten Räumlichkeiten ihren Ausgang nehmen. Eine der Wände ist farbig gefasst und stellt dadurch neben der strukturellen auch eine chromatische Referenzgröße dar. Die dieser Wand gegenüber positionierten Collage-Reliefs schließlich fungieren in ihrer Verdichtung als Chiffren für die Bewegungen und Reflexionen der gesamten Installation.

©Verena Gamper, 2019



Sofie Thorsen Biografie / Biography:

Geboren | born 1971 in Århus, DK.
Lebt und arbeitet in Wien seit 1999 | lives and works in Vienna since 1999. Preise / Awards: 2017 Dagmar Chobot SkulpturenpreisEinzelausstellungen | Solo Shows 2019 Krobath Wien. 2017 Appeared After Rain, Kunstbüro Wien, A. Whose Sleeves?, Anhava Galerie, Helsinki, FI. 2015 Ballspielwände, Kunst am Bau für BIG Art, BRG Krems, A. Ansicht, Schnitt, Mumok Kino, Wien A. 2014 Sofie Thorsen, Krobath Wien, A. 2013 Sofie Thorsen, Tresor, Bank Austria Kunstforum, A. IG 383 and the Play Sculptures, mit | with Thorbjørn Beckmann, Overgaden, København, DK. Mosaik, Dum Umění, České Budějovice, CZ. 2012 Schnitt A-A‘, Kunsthaus Baselland, Basel, CH. Schnitt A-A‘, Kunsthaus Graz, A. 2011 Habitat, Kunstverein Düsseldorf, DE. 2010 Leuchtend Grau, Kunstverein Langenhagen DE. Tokyo Marching Song, Krobath Berlin, DE. 2009 The Colourless Island, The Aarhus Art Building, Århus, DK. Sofie Thorsen, Krobath Wien, A. Gruppenausstellungen (Auswahl) | group exhibitions (selection) 2019 Konkrete Gegenwart / Concrete Contemporary, Museum Haus Konstruktiv, Zürich, CH. Reflex Bauhaus, Die Neue Sammlung – The Design Museum, München, D. 2018 Yesterday, Today, Today, Kunstraum Buchberg, Schloss Buchberg, A. Vice versa: Our Earth is their Moon, our Moon is their Earth, m3 festival / Art in Space, Prague, CZ. Wiener Raum, Heiligenkreuzerhof, Wien, A. Collage, Krobath Wien, A. 2017 Traces of Time, Leopold Museum, Wien, A. Ich weiss nicht – Growing Relations Between Things, MAK /Vienna Biennale, A. 2016 Away Exhibit – Stories from Abroad, Ehemaliges Post- und Telegraphenamt Vienna, A. Emak Bakia, Krobath Wien, A. Beton, Kunsthalle Wien, A. The Language of Things - Material Hi/Stories from the Collection, 21er Haus, Wien, A. Abstrakt - Spatial. Malerei im Raum, Kunsthalle Krems, A. Forårsudstillingen 2016, Den Frie, DK. 2013 The Collection #4, 21er Haus, Wien, A Open Studios, ISCP, New York, US. Social Design, Galerie Emil Filla, Usti nad Labem, CZ. Ruhe-Störung, Marta Herford, D. Brno Art Open, Brno, CZ. The Vienna Model, Austrian Cultural Forum, New York, US. 2012 Spiele der Stadt, Wien Museum, A. DLF 1874: Die Biografie der Bilder – Eine Inventur der Voraussetzungen, Halle 14. Leipzig, DE. Art after 1900, Statens Museum for Kunst, København DK.