Sebastian Koch

09.03.–20.04.2016

Re-shuffling minimal-ästhetischer Konventionen


Die Arbeiten von Sebastian Koch setzen sich mit einer minimal-ästhetischen Formensprache auseinander, die auf das Vokabular der Abstraktion der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zurückgreift und in seinem Werk neue Dimensionen der Formgebung und Materialität eröffnet, die die Linearität konventioneller Visualisierungsformen durchbrechen.

Der Titel der Ausstellung „Crook“ kann in mehrfacher Hinsicht verstanden werden, einerseits handelt sich um Krümmung oder Biegung im klassischen Sinn. Letztere lässt sich vor allem mit dem Möbelbausektor und der Firma Thonet in Verbindung bringen, die in Österreich Pionierarbeit leistete und auf die Koch in seinen Arbeiten rekurriert. Andererseits kann als „Crook“ ein Gauner bezeichnet werden, in diesem Fall ebenso eine Referenz auf Koch, der in ausgeklügelter Methodik Formen und Materialien verwendet, die oftmals als etwas anderes erscheinen und in dieser Chimärenfunktion den Entstehungskontext verdecken, wodurch der Künstler BetrachterInnen ein Vexierspiel aus Anwesendem und Abwesendem bzw. dem Trägermaterial und seiner vermeintlichen Erscheinungsform vorführt.

Die den ursprünglichen Kontext der Druckgrafik verlassenden bzw. aus ihm weiterentwickelten Arbeiten Kochs greifen auf eine Vielzahl an Materialen und eine spezielle Art der Kombinatorik zurück, die etwa mit einer Serie von Tuschezeichnungen beginnt. Die hier applizierte Formensprache ähnelt einem kunsthistorisch-abstrakten Vokabular, jedoch stammt der Bilduntergrund aus industriell gefertigten Büroordereinlageblättern, die in Kochs Fall durch die schaukastenartige Rahmung ihrem eigentlichen Kontext entledigt werden. Die Untergrundfarben changieren hinsichtlich der Standards der vorgefertigten Industriepapiere, durch die abstrakten Tuschezeichnungen und die spezielle Art der Präsentation erfahren sie jedoch zugleich eine auratische Aufwertung.

Eine andere Weise der Medienverquickung wird in einer Reihe an Arbeiten sichtbar bzw. angedeutet, für die sich Koch einer bürogebräuchlichen Kopiermaschine bedient und nur das Licht ähnlich wie bei einer Rayographie verwendet um das Resultat der Schattenbildung teils großformatig zu präsentieren. Affichiert über eine klassische Leinwand und im Malereistil gerahmt wirft diese Papierarbeit bei BetrachterInnen die Frage nach ihrer ontologischen Bedeutung auf. Handelt es sich um eine Grafik, eine Fotografie oder um eine Malerei? Dass keine dieser Antworten zutrifft, führt wiederum auf die Simultaneität der Medien in der aktuellen Kunstgeschichte zurück, in der die zeitliche Dimension zwischen Vor-, Ab- und Nachbild oftmals einem Nivellierungsprozess unterworfen wird.

Die Zeichnung bzw. grafische Darstellung abstrakter Formationen und deren skulpturale Umsetzung im Raum bildet ein Wechselspiel, das im Zentrum von Kochs künstlerischer Betrachtung steht. Seine Objekte beziehen sich auf eine dadaistisch-kubistische Formensprache, bei der Versatzstücke unterschiedlicher Materialität erneut in ihrer Konsistenz verdichtet werden und zu einer Dialektik zwischen Form und Funktion bzw. der sichtbaren Strukturen und dem dahinterliegenden Materialitätsgedanken führen. Ein Beispiel für diesen Prozess bilden abgerundete linear verlaufende, gebogene Skulpturen im Raum, die einer Zeichnung entstammen könnten und Kochs künstlerische Herangehensweise demonstrieren. Obwohl als Strich in einem räumlichen Gefüge denkbar, handelt es sich hier um unterschiedliche Teile in verschiedensten Materialien, die modulartig zusammengesetzt werden.

Ein weiterer Fokus der Skulpturen liegt im traditionellen Gipssockel. Dieser jedoch erscheint in einer ungewohnten Form, da aus ihm gleichsam ein Holzfuß entspringt. Dadurch kommt es erneut zu einer Kontextverschiebung zwischen dem Sichtbaren und dem Deutbaren. Mit der Verwendung skulpturaler Versatzstücke aus unterschiedlichen Bedeutungszusammenhängen bedient sich Koch den Methoden von Trickstern oder eben „Crooks“, um das Sichtbare auf eine neue Sinnesebene zu transferieren und Ausdruck seiner spezifischen künstlerischen Methodologie werden zu lassen.

Text: Walter Seidl