Esther Stocker

09.03.–20.04.2016

Esther Stockers modernistisch geprägte Formensprache drückt sich in einer Vielzahl künstlerischer Medien aus, deren Thematik ihren Ausgangspunkt in der Abstraktion der Malerei zu Beginn des 20. Jahrhunderts nimmt, als Kasimir Malewitschs Schwarzes Quadrat auf weißem Grund (1915) die Malerei in eine Gegenstandslosigkeit überführte und gleichzeitig als räumliche Komponente begriff. Der Aufbruch der Malerei in eine Räumlichkeit jenseits des Figurativen erweiterte die Betrachtungsmöglichkeiten von Kunst als holistische Erfahrung von philosophischen Fragestellungen.

Die Fortführung eines Malewitschen Abstraktionsdiskurses in Richtung Raumtheorie thematisiert Stocker in medial unterschiedlich angelegten Arbeiten. Der Umgang mit einer zweidimensionalen Vorstellungslogik innerhalb der Malerei wird von der Künstlerin konsequent auf ihre Gültigkeit untersucht und räumlich aufgebrochen. Der Einsatz von schwarz-weißen Muster- und Texturabfolgen nimmt den BetrachterInnen das Bewusstsein der Farbe und lenkt ihre Aufmerksamkeit unmittelbar auf räumliche Strukturen. In Stockers künstlerischer Praxis kommt es zu einer Gegenüberstellung von Malerei, Fotografie und Skulptur als Zusammenspiel raumübergreifender Theoriemodelle.

(Textauszug aus: Walter Seidl über Esther Stocker, Krobath Wien, 2013)



Der Wille zur wissenschaftlich exakten Analyse von Untersuchungsgegenständen oder Forschungsbereichen scheint an ein unausweichliches Paradox geknüpft: Je genauer und eingehender man einen Fragenkomplex fokussiert, desto eher werden Erwartungshaltungen unterlaufen und Ausnahmen von der Regel sichtbar. Dadurch wird deutlich, was methodische Ansätze in Wirklichkeit sind: nämlich ihrerseits überprüfungs- und korrekturbedürftige Annahmen, die ihren Untersuchungsgegenständen nicht äußerlich, sondern von vornherein ideologisch mit ihnen verknüpft sind. Genauigkeit scheint also dazu verurteilt zu sein, permanent ihren eigenen Unfehlbarkeitsanspruch relativieren zu müssen, um sich daran zu schärfen. Was daher Genauigkeit, Ordnung und Systematik bedeuten, hängt nicht zuletzt von jenen Abweichungen, Irritationen und Anpassungen ab, die ihre Anwendung mit sich bringt. 


Dass solche Mechanismen ebenso im Bereich der Kunst als Forschung eigener Ordnung gelten, soll hier anhand der Arbeit von Esther Stocker skizziert werden. Die auf Schwarz, Weiß und Grau sowie auf Gitterstrukturen basierenden Bilder, Wandmalereien und Rauminstallationen weisen Verschränkungen, Vernetzungen und Durchdringungen formaler und semantischer Art auf, für die nicht zuletzt das variabel eingesetzte Rastermotiv ein metaphorisches Logo bildet. Konsequent bricht Stocker damit eindimensionale Ordnungs-, Raum- und Malereivorstellungen auf und stellt zugleich die Frage nach der Möglichkeit und Bedeutung von Ordnung, Raum und Malerei als kontextuellen und relationalen Faktoren und Begriffen. Wenn sich jemand derart beharrlich mit räumlichen Strukturen und Raumerfahrungen beschäftigt und sich dennoch vor Augen hält, dass „wir nichts über den Raum wissen“ (Stocker), so scheint daraus jene produktive Skepsis zu sprechen, die aus unablässigen methodischen Annäherungsversuchen und der Einsicht in deren prinzipielle Unabschließbarkeit entspringt.

(Textauszug aus: Rainer Fuchs "Systematisch gebrochene Systeme", Text und Kritik 2008)