Esther Stocker

10.04.–01.06.2013

Esther Stockers modernistisch geprägte Formensprache drückt sich in einer Vielzahl künstlerischer Medien aus, deren Thematik ihren Ausgangspunkt in der Abstraktion der Malerei zu Beginn des 20. Jahrhunderts nimmt, als Kasimir Malewitschs Schwarzes Quadrat auf weißem Grund (1915) die Malerei in eine Gegenstandslosigkeit überführte und gleichzeitig als räumliche Komponente begriff. Der Aufbruch der Malerei in eine Räumlichkeit jenseits des Figurativen erweiterte die Betrachtungsmöglichkeiten von Kunst als holistische Erfahrung von philosophischen Fragestellungen.

Die Fortführung eines Malewitschen Abstraktionsdiskurses in Richtung Raumtheorie thematisiert Stocker in medial unterschiedlich angelegten Arbeiten. Der Umgang mit einer zweidimensionalen Vorstellungslogik innerhalb der Malerei wird von der Künstlerin konsequent auf ihre Gültigkeit untersucht und räumlich aufgebrochen. Der Einsatz von schwarz-weißen Muster- und Texturabfolgen nimmt den BetrachterInnen das Bewusstsein der Farbe und lenkt ihre Aufmerksamkeit unmittelbar auf räumliche Strukturen. In Stockers künstlerischer Praxis kommt es zu einer Gegenüberstellung von Malerei, Fotografie und Skulptur als Zusammenspiel raumübergreifender Theoriemodelle.

In den aktuellen Arbeiten werden schwarze Quadrate in einer Rasterung und repetitiver Serialität auf die Trägeroberfläche der im Raum hängenden Objekte überführt. Durch Falten und Knittern der ursprünglichen Papiervorlagen entstehen „Knäuel“ bzw. Reliefe an der Wand. Die unterschiedlichen schwarz-weißen Rasterungen führen aufgrund der Geknittertheit zu einer Verzerrtheit der multipel angeordneten Quadrate, wodurch die Arbeiten ebenso auf Momente der Op Art referenzieren und diese in die Dreidimensionalität des Raumes übertragen.

Die Ideen zu Stockers Objektserie kamen der Künstlerin aufgrund von Modellen, bei denen sie versuchte den Raum zu knittern, um die strenge Geometrie zu brechen und somit einen Kontrast zu den regulären Strukturen und der Formensprache ihrer Malerei herzustellen. Stockers Knäuelskulpturen erinnern in ihrer Beschaffenheit an zerknüllte Papiere, die einmal glatt waren und vor dem Entsorgen zu dieser Form gelangten. In diesem Sinn thematisiert die Künstlerin den aktiven Prozess, der jener zweidimensionalen Beschaffenheit von Papier eine dreidimensionale und Volumen verändernde Komponente verleiht, um die darauf befindliche Information zu verzerren.

Die aktuelle Ausstellung in der Galerie Krobath zeigt im Hauptraum Stockers neue Skulpturen in unterschiedlicher Beschaffenheit und variierenden Oberflächenrasterungen. Zusätzlich zu den Objekten adaptiert die Künstlerin ihre Technik der medialen Transferierung auch mit dem Medium der Fotografie. Die Übertragung der zweidimensionalen Rasteroberflächen in jene dreidimensionale Geknittertheit wird in diesem Prozess mit dem Dispositiv der Fotografie wieder auf Papier zurückgeführt. Dadurch reinszeniert die Künstlerin die gefalteten Papierformate und Objekte, um die Bruchlinien ihrer Dreidimensionalität auf einer fotografischen Oberfläche sichtbar zu machen. Die Arbeiten stehen folglich in Zusammenhang mit den Raumobjekten, können aber auch als eigenständige Werke angesehen werden, die im Kontext zu Stockers anderen Fotoarbeiten existieren.

Die Qualität der Objektskulpturen folgt jener Struktur der Mobiles, die im Raum hängend Momente von Bewegung generieren. Dadurch stellen Stockers Arbeiten je nach Betrachtungsperspektive unterschiedliche ästhetische Ansprüche, die in den Fotografien aufgrund der fixierten Kamerastandpunkte von geringerer Bedeutung sind. Die schwarz-weiß Ästhetik verstärkt die Konzentration auf den Raum selbst, untersucht dessen grundlegende Strukturen und erforscht hinsichtlich der Bewegungsmöglichkeit die Bedeutung einer Raum-Zeit Achse auf Basis modernistischer Grundlagen.

Walter Seidl