Brigitte Kowanz

10.06.–25.07.2015

Gespiegelte Schattenräume – Verschattete Spiegelräume *

Das konzeptuell angelegte Werk von Brigitte Kowanz beruht auf einem abstrakten, philosophischen Denken, das auf der Basis naturwissenschaftlicher und technologischer Erkenntnisse vorgetragen wird, sich jedoch in jeder einzelnen Arbeit, in jeder Rauminszenierung mit außerordentlicher Sinnlichkeit und atmosphärischer Dichte, ja auch Schönheit präsentiert. Die Auseinandersetzung mit Film, Video und Fotografie führte sie schon früh zur Thematisierung des Phänomens Licht, das gleichsam zu ihrem Markenzeichen geworden ist. Die Arbeit mit Spiegeln begann punktuell in den 1980er Jahren, wird jedoch konsequent als vieldeutiges Material ab den späten 1990er Jahren in Objekten und Raumgestaltungen eingesetzt, wodurch inhaltliche Fragestellungen vorangetrieben und erweitert werden. Schrift und Sprache, auch codiert in Form von Morsezeichen, sind weitere Elemente des komplexen Zusammenspiels von Sehen und Verstehen, Wahrnehmen, Wissen und Erkennen, aus dem sich Kowanz’ suggestive Werke zusammensetzen. Licht, Spiegel und Sprache führt sie im Begriff des Raums zusammen, der ihr eigentliches Untersuchungsfeld ist, in dem der physikalische Raum nicht vom metaphorischen und virtuellen Raum getrennt erscheint. Indem sie die Koordinaten des dreidimensionalen, architektonischen Realraums befragt, bricht sie seine Grenzen multiperspektivisch auf und führt uns in neue, andere Denk- und Wahrnehmungskategorien. Die in ihrem OEuvre immer wieder zitierte Lichtgeschwindigkeit verweist zugleich auf die ungreifbare Präsenz von Licht, auf seinen unvorstellbaren, absoluten Wert wie auf seine exakte Messbarkeit, aber auch auf die Schnelligkeit elektronischer Informationsübertragung.

Kowanz setzt Spiegel als eine Art Metamedium visueller Übertragung ein, denn Spiegel machen Licht sichtbar und bergen durch die Durchdringung von Realraum und virtuellem Raum unendlich viele Bilder in sich. Zugleich zeigen sie das Sehen selbst. Indem die Künstlerin ganze Räume in reflektierende Spiegelkabinette verwandelt, wird der Betrachter in ein artifizielles, imaginäres Raumgefüge versetzt, das sich von innen öffnet und in dem sich das Raumzeitkontinuum mit dem Lichtschattenkontinuum trifft. Umberto Eco bezeichnet Spiegel als Prothesen der Wahrnehmung, die Kanäle und Medien des Durchlaufs von Informationen darstellen. Zugleich liegt für ihn „die Magie der Spiegel (...) darin, dass ihre Extensivität-Intrusivität uns nicht nur gestattet, die Welt besser zu sehen, sondern auch uns selbst so zu sehen, wie die anderen uns sehen“1. Die in der Psychologie von Freud über Lacan entwickelte Spiegelmetapher, in der der Spiegel als Schwellenphänomen charakterisiert wird, das die Grenzen zwischen Imaginärem und Symbolischem anzeigt, greift Kowanz gezielt in ihren Arbeiten auf, womit sie Spiegel nicht nur als optisches Übertragungsmedium, sondern auch als bewusstseinsbildende Instanz einsetzt. „In den Spiegeln sieht sich der Betrachter nicht einfach nur, Spiegel können auch die Selbstthematisierung und Selbstreflexion vorantreiben.“2

Zu ihrer Arbeit mit binären Codes gehört neben dem Vernetzungsgedanken auch das Ausloten und Ausbalancieren von Komplementaritäten, also von polar erscheinenden Phänomenen wie Licht und Schatten, die dennoch untrennbar miteinander verbunden sind und in eins fallen, weil sie sich gegenseitig bedingen. „Generell kann man Wirklichkeit nur als Summe komplementärer Bilder verstehen.“3 Wird Kowanz’ Werk vor allem unter dem Aspekt des Lichts analysiert, so ist es zugleich auch der Schatten, den sie in ihren Arbeiten gezielt fokussiert und der in wesentlichen Teilen ihr künstlerisches Denken mitbestimmt. Licht ist an sich nicht sichtbar, sondern wird erst wahrgenommen, wenn es auf Materie trifft. Licht ist Raum, Zeit und Geschwindigkeit. Der Schatten hingegen zeugt von der Anwesenheit des Lichts, der Dinge im Raum und von erfahrbarer Zeit. Jan Tabor stellt dazu in einem Katalog von Brigitte Kowanz folgende Überlegungen an: „Man redet und schreibt nur vom Licht. Obwohl ohne Schatten das Licht nicht sichtbar wäre. Was ist Schatten? Vorort der Nacht? Vorhof des Schlafs, den man, seit der Barockzeit, den kleinen Bruder des Todes nennt? Verdünntes Licht? Die Farbe des Lichtes? Ist der Schatten ein schwarzes Licht? Oder ein unsichtbares Licht? Oder gar: das Abbild des Nichts! Was ist Dunkelheit? Die Abwesenheit des Lichtes?4

Beate Ermacora


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1 Umberto Eco, Über Spiegel und andere Phänomene, München 1990, S. 35
2 Brigitte Kowanz im Gespräch mit Barbara Willert (wie Anm. 1), S. 33 Brigitte Kowanz folgt in ihren Ausführungen Rainer Fuchs, Präzisierung des Grenzenlosen, in: Brigitte Kowanz. Now I See, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien 2010
3 Brigitte Kowanz im Gespräch mit Barbara Willert, in: ebd., S. 33. Brigitte Kowanz folgt in ihren Ausführungen Ernst Peter Fischer, Mozart und die Quantenmechanik, Luzern 2006
4 Jan Tabor, Lob des Schattens, in: Kat.: Brigitte Kowanz, another time another place, Häusler Contemporary München 2002, S.32


*) Textauszüge aus: Beate Ermacora (Hrsg.): Brigtte Kowanz – In Light of Light, Ausst.-Kat. Galerie im Taxispalais Innsbruck, Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2012