Maria Hahnenkamp

10.11.2012–09.01.2013

Fragmente einer Körperornamentik
Zu den Arbeiten von Maria Hahnenkamp

Maria Hahnenkamps Arbeiten bilden eine Dialektik zwischen einer weiblich codierten Körpersprache der Absenz, ausgedrückt durch bildliche Reduktion, und einer kulturhistorisch tradierten Ornamentik, die auf Machtstrukturen innerhalb geschlechtsspezifischer Sozietäten verweist.

Hahnenkamps Arbeiten beziehen sich seit Beginn auf psychoanalytische Momente einer bildlichen Wahrnehmung, bei der Aspekte des Begehrens durch eine Reduktion des Dargestellten in den Vordergrund gerückt sind. Diese inhaltliche Komponente zieht sich konsequent durch die Arbeit der Künstlerin und wird stets neu definiert und weiterentwickelt.

Eine mögliche Interpretationsweise der Arbeiten rekurriert auf die Psychoanalyse eines Jacques Lacan, für den Begehren mit Absenz und Momenten des Fehlens (im Französischen manque) verbunden ist. Für Lacan kreist Begehren weder um den Wunsch nach Befriedigung noch nach Liebe, sondern bildet eine Subtrahierung des einen vom anderen, wodurch es unmöglich erscheint, das Verlangen zu stillen, da es sich selbst ständig weiter reproduziert.

Die Reproduktion des Begehrens zeigt sich in unterschiedlichen Werkzyklen, die Maria Hahnenkamp in ihrer Ausstellung in der Galerie Krobath präsentiert. Ein deutlicher Verweis auf jene psychoanalytisch konnotierte Fehlstelle zeigt sich in der neuesten Arbeit, die aus weiß gestrichenen Rahmenfragmenten in unterschiedlicher Größe, Breite, Länge und Ornamentik mit Nachahmungen aus dem 20. Jahrhundert zusammengefügt ist. Die Vorstellungskraft der BetrachterInnen wird hier angeregt, die Fehlstelle des nicht existenten Bildes auszufüllen, die eine unendliche Kette an Begehren hervorruft, das auf den historisch unterschiedlich ausgeprägten Ornamenten und den ihnen eingeschriebenen Machtdiskursen beruht.

Die zweite, neu entwickelte Serie von sandgestrahlten Texten und Ornamenten auf Weißglas, bei denen es sich um eine Interaktion zwischen Körpern und den ihnen inhärenten psychischen Prozessen sowie imaginierten räumlichen Situationen handelt, wirft ebenso zahlreiche Fragestellungen auf. In dieser Arbeit werden Projektionen und Wunschvorstellungen freigesetzt, die an Freuds Theorie der Wünsche angelehnt ist und die Lacan in seiner Theorie des Begehrens (désir) weiterentwickelte. Hahnenkamps spezifische Referenz in diesen Bildern gilt jedoch den Texten des französischen Philosophen Gaston Bachelard, von dem auch die Textzitate in den Bildern stammen. Anstelle eines realen Abbildes verweisen die Texte und ornamentalen Lineaturen auf das Begehren nach einer körperlich-räumlichen Beziehung, die jedoch durch den Verlust des Realen geprägt ist. In diesem Zusammenhang spricht Bachelard in seinen psychoanalytisch geprägten Texten von sog. Zwischenzonen (zones intermédiaires), die zwischen dem Unbewussten und einem rationalen Bewusstsein liegen. In seinen poetischen Bildern finden sich diese Zwischenzonen in kontemplativen Traumvorstellungen, was bei Hahnenkamp etwa in folgendem Zitat ausgedrückt wird: „Man muss alles wegnehmen, damit der Raum eine Traumhaftigkeit annehmen kann und sich ein neues Fenster öffnet.“ Das real sichtbare Moment (des Textes als Bild) ist wahrnehmungsepistemologisch ein Verweis auf etwas Dahinterliegendes bzw. Unbewusstes.

Das Verhältnis zwischen Repräsentation und Absenz des weiblichen Körpers zeigt eine Wandinstallation mit 21 Fotofragmenten aus einer Porträtserie mit der Wiener Burgschauspielerin Regina Fritsch. Fragmentarische Körperteile, die hinter einer vom Blitzlicht angestrahlten Folie fast verschwinden, werden im fotografischen Negativverfahren in rote Farbe transformiert und mit Abzügen in Schwarz-Weiß Umwandlungen kombiniert. In ihrer Hängung nehmen die auf die gesamte Wand verteilten Fotos Bezug auf den Pergamon Altar, bei dem Fragmente eines hellenistischen Altars rekonstruiert und neu zusammengesetzt wurden und nun ein imaginäres Ganzes ergeben.

Die Arbeit von Maria Hahnenkamp setzt sich explizit mit den Möglichkeiten des fotografischen Dispositivs auseinander, in dem Schatten- und Spiegelformationen zur Konstruktion von Identität eine wesentliche Rolle spielen. In ihren fotografischen, textuellen und haptischen Arbeiten führt sie uns durch die Reduktion des Abgebildeten bzw. der minimalen Ästhetik des Ornaments innerhalb eines Geschlechterdiskurses in ein Vexierspiel der Vorstellungskraft von Begehren. Sie unterwirft dieses einer konstanten Reproduktion, um unterschiedliche psychische Prozesse zu evozieren, die auf der Geschichte weiblicher Repräsentation und genderspezifischen Machtdiskursen basieren.

Walter Seidl