NOTES ON SCULPTURE, curated by Friederike Nymphius

11.09.–30.10.2015

curated by_Vienna 2015: Tomorrow Today

"NOTES ON SCULPTURE"
A plea for deceleration

curated by Friederike Nymphius

Martin Boyce, *1967 Hamilton, Schottland; l. in Glasgow, Schottland
Martin Creed, *1968 Wakefield, England; l. in London, England
Dominik Lang, *1980 Prag, Tschechien; l. in Prag
Monika Sosnowska, *1972 Ryki, Polen; l. in Warschau, Polen
Katja Strunz, *1970 Ottweiler, Deutschland; l. in Berlin, Deutschland
Tatiana Trouvé, *1968 Cosenza, Italien; l. in Paris, Frankreich


In den 1966 publizierten „Notes on Sculpture“ verwies Robert Morris auf die Bedeutung von Autonomie und Gestalt in der zeitgenössischen Bildhauerei. Er propagierte eine Skulptur, welche die Form zu ihrem Thema werden ließ und jegliches malerische Element wie Farbe eliminierte.
Daneben setzte sich Morris mit den Bedingungen der Wahrnehmung auseinander. Dabei stützte er sich auf eine Publikation des französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty mit dem Titel „Phenomenology of Perception“, die damals unter den Minimalisten Furore machte. Nach Merleau-Ponty ist die Realität nicht absolut, sondern hängt von unterschiedlichen, auch zufälligen Faktoren der Wahrnehmung ab, die sich ständig verändern.
Bis heute haben die von Robert Morris entwickelten Ideen für eine jüngere internationale Künstlergeneration nichts an Aktualität verloren. Der Fokus hat sich vom Objekt auf das Subjekt, von der Wahrnehmung der Form auf die Wahrnehmung des Menschen in der Gesellschaft verschoben. Mit der ausgeprägten physischen Präsenz ihrer Skulpturen entgegnen sie der Flüchtigkeit und Hektik des modernen Lebens.
Die Werke von Martin Boyce, Martin Creed, Dominik Lang, Monika Sosnowska, Katja Strunz und Tatiana Trouvé sind in der Gegenwart verankert. Die radikale Machart und sperrige Materialität ihrer Werke nimmt ihnen jeglichen ‘spielerischen’ Charakter und schafft Situationen, die mit physischer-psychischer Konfrontation bzw. totaler Verweigerung umschrieben werden müssen.
Ihre Arbeiten entziehen sich dem raschen Konsum und den oberflächlichen Verwertungsmechanismen des immer kommerzieller agierenden Kunstmarkts. Auf die rasante Beschleunigung der industriellen Gesellschaft antworten sie mit Entschleunigung sowie mit der Auslotung der „conditio humana“. Die Verlangsamung gerät so zu einem wesentlichen Instrument auf der Suche nach einem dem Menschen angemessenen Tempo im Umgang mit sich selbst und der sich ständig beschleunigenden Welt.

Friederike Nymphius