Sonja Gangl

11.11.–19.12.2015

Nach der Präsentation ihres zeichnerischen Oeuvres in einer umfassenden Gesamtschau in der Albertina 2013/14 zeigt Sonja Gangl nun ihre neueste Serie an Papierarbeiten bei Krobath | Wien. In Schwarz-weiß Zeichnungen widmet sich Gangl mehreren Stufen einer medialen Wirklichkeit, um zu ihrer finalen Technik einer präzisen Bleistiftführung zu gelangen. Auch wenn Zeichnung kunsthistorisch als Vorstufe zur Malerei gelten mag, die sich wiederum auf eine äußere Wirklichkeit zu beziehen versucht, spielt in diesem Fall auch Fotografie eine zentrale Rolle, die die Ausschnitte der Bildinhalte und somit der verhandelten und in den Zeichnungen repräsentierten Realitäten vorformuliert.

Gangls neue Arbeiten beziehen sich auf jene Dialektik zwischen der Übertragung aktueller bildlicher Szenarien und einer Anbindung an kunsthistorische Vorbilder, bei denen die einzelnen Vor- und Nachstufen historischer und medialer Entwicklungen einander bedingen. Als Ausgangspunkt dienen Fotografien, die die Künstlerin unter anderem am Wiener Großgrünmarkt von den Verpackungen vorwiegend von Obst und Gemüse aufnahm, um in weiterer Folge zeichnerisch die Position des Stilllebens in der Kunst und Kunstgeschichte neu zu verhandeln. Die während dieses Werkzyklus entstandenen Zeichnungen existieren in unterschiedlichen Formaten, die in ihrer Größe an jene Formate der ersten Meister des Stilllebens in der spanischen Kunst des 17. Jahrhunderts, Juan Sánchez Cotán und Juan de Zurbarán angelehnt sind. Während in der älteren Kunstgeschichte Obst und Gemüse als Teile von Interieurs vorwiegend in ihrer Frische repräsentiert wurden, fokussieren jüngste Ansätze künstlerischer Betrachtung Prozesse der Veränderung und Vergänglichkeit. Spanien gilt heute als wichtigste Plantage Europas. An der Costa del Sol und Costa Blanca etwa wird Obst und Gemüse für ganz Europa produziert. Dreiviertel der Welternte landen jedoch auf dem Müll und in Europa rund die Hälfte aller Lebensmittel. Während Cotán und seine Zeitgenossen Lebensmittel und Luxusgüter wie Zitrusfrüchte und Gemüse als rein ästhetische Gegenstände wahrnehmen konnten, sind diese Lebensmittel heute nicht mehr ohne ihre Produktionsbedingungen und Transportwege zu denken. Konnten die BetrachterInnen der spanischen Stillleben des 17. Jahrhunderts noch als skopophile Genießer gedacht werden, wird den BetrachterInnen der Gegenwart ihre Rolle als VerbraucherInnen von Waren und Dienstleistungen vorgeführt. Sam Taylor-Woods Videoarbeiten etwa markieren jenen Ansatz, bei dem die Künstlerin als Umkehrung klassischer Stillleben die Verrottung von Obst und Gemüse filmisch zelebriert.

Gangls Arbeiten gehen einen Schritt weiter und widmen sich direkt den Verpackungen sowie den Transportbehältnissen der Waren. In den kleinformatigen Zeichnungen werden etwa ein zugebundener schwarzer Müllsack oder ein Joghurtbecherkartonträger freigestellt und objekthaft in der Bildmitte stilisiert. Dadurch stellt sich eine veränderte Betrachtungsweise ein, die die Objekte in einer neuartigen Form des Stilllebens aus ihrem Kontext extrapoliert und in ihrer visuellen Bedeutung erhöht. Eine detailgenaue Präzision, erzeugt durch die exakte Linienführung des Bleistifts führt wiederum zu einem bildnerischen Wechselspiel zwischen Zeichnung und Fotografie, das herkömmliche Medienzuschreibungen durchbricht.

Gangls großformatige Zeichnungen verweisen auf die Dichte des zusammengepressten Verpackungsmaterials, die in ihrer Schwarz-weiß Ästhetik auf eine minimalistische Formensprache rekurrieren. Zu erkennen sind einzelne Firmennamen, die in den Kartonassemblagen und Bildausschnitten jedoch eine untergeordnete Rolle spielen, während der Fokus auf der strukturellen Vielfalt dieser skulpturalen Readymades und ihrer rasterhaften Geometrie liegt. Gangls künstlerische Sprache bedient sich somit eines Entfremdungseffekts um visuelles Begehren zu erzeugen, das vom dargestellten Inhalt abzulenken vermag, jedoch den Blick auf aktuelle Wirklichkeitsszenarien richtet.


Walter Seidl