Hannes Böck

12.09.–27.10.2012

Hannes Böcks Ausstellung Las Encantadas ist als Versuch entstanden, ein Kapitel aus Herman Melvilles Erzählsammlung über die Galapagos-Inseln, The Encantadas or Enchanted Isles, zu verfilmen. Es handelt sich dabei um die achte Skizze der Sammlung, die Geschichte der über Jahre auf einer der Inseln des Archipels gestrandeten Peruanerin Hunilla, deren Schicksal Melville so respektvoll wie emphatisch begegnet. Hunilla, die von einem zur Schildkrötenjagd ankernden Schiff gerettet wird, verweigert jede Aussage über das von ihr erlebte Leid mit der knappen Antwort: „Señor, ask me not.“ Sie erscheint als eine allegorische Subjektivierung des Subalternen, die dem Archipel zugleich ausgeliefert und Teil von ihm geworden ist.
Das Unterfangen, Melvilles Erzählungen in Bilder zu übersetzen, ist eine Reaktion auf die Begegnung mit dem Text: Melville schildert die Inseln als trostlose und unwirtliche Urlandschaft, ausgebeutet von Piraten, Walfängern und Schildkrötenjägern. Dementsprechend unzugänglich sind seine kurzen „Skizzen“, die weder klar auf Handlung noch auf Beschreibung ausgerichtet sind. Ihre erzählerische Verschlossenheit geht mit einer Hinwendung zur Bildhaftigkeit einher, zu forcierten Perspektivwechseln und fiktiven Rahmungen, durch die Analogien zur Malerei und zur Fotografie entstehen. Die ebenso eindrückliche wie abschreckende Beschreibung des Archipels beginnt mit der Schilderung von „fünfundzwanzig Haufen Kohleschlacken, die hier und da auf einem Grundstück vor der Stadt ausgekippt sind. (...) genauso wie die Welt aussehen würde, wenn als Strafgericht eine Feuersbrunst darüber hinweg gegangen wäre.“
Hannes Böcks filmische Suche nach Schauplätzen, die Hunillas Geschichte illustrieren könnten, hat einen 16mm-Film mit zwölf knapp einminütigen Einstellungen ergeben, die wie screen tests der Landschaft funktionieren. Die schwarzen Klippen des zerklüfteten Vulkangesteins sind dabei zuweilen kaum von der umgebenden Meereslandschaft unterscheidbar. Die Landschaft zeigt sich in ebenso unterschiedlichen wie uneindeutigen Gestalten: feuchter Nebel trübt den Blick auf dichte Bewaldung, auf Sandflächen, auf Strände, auf Lavafelder, auf Bäume und Sträucher. Die statischen Aufnahmen sind menschenleer, doch ist dies kein Hinweis auf die legendäre Unwirtlichkeit des Archipels, und ebenso wenig auf seine Charakterisierung als unüberschaubarer „glatter Raum“ (Deleuze). Stattdessen stellen die unbewegten Aufnahmen die Wahrnehmung der Landschaft und die Mechanismen ihrer Inszenierung in den Vordergrund. Einmal bietet sich ein schmaler, aber verlassener Weg ins Dickicht an, eine Spur der aktuellen touristischen Nutzung der Inseln, und ebenso ein Hinweis auf die fehlende Protagonistin: Denn die Schauspielerin, die die Rolle der Hunilla übernehmen könnte, ist nicht zu sehen.
Gemeinsam mit dem Film ist eine Fotoserie vom Filmset der mexikanischen Telenovela Soy Tu Fan ausgestellt, die ihrem Genre entsprechend, das Versprechen eines Blicks hinter die Kulissen in sich tragen. Eines der wiederkehrenden Gesichter in diesen Fotografien ist das der Schauspielerin Edwarda Gurrola, die nicht nur eine Rolle in der Telenovela spielt, sondern zugleich die unsichtbare Protagonistin von Las Encantadas sein könnte. Die Sammlung kontrastreicher Schwarz-Weiß-Aufnahmen führen, so wie die gezeigten Sets, Schauspieler und Crewmitglieder, eine bestimmte Inszenierung vor: sie zitieren das Genre der Reportage, eine der zahlreichen ästhetischen Spielarten des eindringenden, forschenden und definierenden Blicks.
Der Film Las Encantadas verweist auf ein bestimmtes künstlerisches Format, auf das des Landschaftsbilds. Die Aufnahmen sind dabei nicht auf die Erzeugung von Stimmung hin angelegt, sondern orientieren sich an dem kartographischen Blick der frühen Fotografie. Die Einstellungen erinnern an Timothy O’Sullivans fotografische Bestandsaufnahmen des unbekannten nordamerikanischen Westens, die im 19. Jahrhundert im Rahmen geologischer Expeditionen entstanden sind. Sie erzeugen trotz der Möglichkeiten ihres Mediums weder Überblicke noch Detailaufnahmen, weder herrschaftliche Aneignung noch Intimität. Auch Hannes Böcks Film besteht aus erstaunlich unspektakulären Totalen, die wie an der Landschaft hängen bleiben, anstatt diese zu rahmen. Las Encantadas wird so zur Untersuchung der Erfassung und Interpretation von Natur, von denjenigen Bildkonstruktionen, in denen kulturelle Zuschreibungen organisiert werden. Denn in ihrem klassischen Verständnis evozieren Landschaftsbilder Stimmungen und unternehmen ideologische Identifizierungen, sie charakterisieren Orte als arkadisch oder heroisch, pastoral oder pittoresk, exotisch oder vertraut. Sie sind das paradigmatische Instrument kolonialer wie kreativer Expansion, in dem sich zweckrationale Interessen kreuzen.
Der mit dem Landschaftsbild einher gehende kolonialisierende Blick ist eine Selbstverständlichkeit ethnographischer wie ästhetischer Zugriffe auf das Fremde. Er ist jedoch schwer in bestimmten Ordnungen festzumachen, sondern zeigt sich in völlig unterschiedlichen Konfigurationen des visuellen Feldes. In die Reihe solcher Konfigurationen stellt sich Hannes Böck mit Las Encantadas, legt jedoch dabei die Konstruktion von Landschaft als ästhetischem Gegenstand offen. Denn mit der Verwendung historischer Bildformate wird deren Nutzung für bestimmte Vorstellungen von Natur und Landschaft vorgeführt. Dass dies gerade anhand der Galapagos-Inseln geschieht, ist deren dichter Diskursgeschichte geschuldet: von Jahrhunderten kolonialer Freibeuterei über Darwins einmonatigem Forschungsaufenthalt im Jahr 1835, die den Anstoß zur Evolutionstheorie gab, zur künstlerischen Überformung der Landschaft in Melvilles Erzählung oder ihrer spektakulären Aufbereitung als post-apokalyptisches Paradies in Antonin Artauds 1931 publiziertem imaginären Reisebericht Galapagos, Les îles du bout du monde, bis hin zur Sublimierung der Landschaft in der ökologischen Naturromantik und touristischen Ursprungsfantasie der Gegenwart.
Hannes Böcks Ausstellung Las Encantadas zeigt einen distanzierten, analytischen Umgang mit dieser Landschaft und ihren Bildern. Die Filmaufnahmen bleiben entwicklungslos und scheinen sich, wie ihre unsichtbare Protagonistin, jeder nachfragenden Deutung und symbolischen Zuschreibung entziehen zu wollen. Ihre Undurchsichtigkeit verdankt sich der Offenlegung der historischen Konventionen der Formate des Vermessens und Beobachtens ebenso wie der Bereitschaft, einer möglichen Protagonistin des eigenen Films bei der Arbeit in ihrem eigentlichen Brotberuf zuzusehen und damit die gezeigte Landschaft ohne Bewohnerin zu lassen. Damit einher geht der Verzicht auf die Herstellung einer menschlichen Bezugnahme auf die gefundene Natur, der eigentlichen Aufgabe des Landschaftsbilds. Las Encantadas ist so zugleich filmische Landnahme wie ein formales Experiment zur Untersuchung verschiedener Bildkonventionen künstlerischer und kolonialer Expansion.

Text: Eva Kernbauer