Judith Eisler

13.09.–21.10.2006

Der menschliche Atem galt der antiken Philosophie als mehr als nur eine organische Funktion. „Pneuma“ wurde mit Geist oder Seele gleichgesetzt und als kosmologisches Prinzip gedeutet. Die ätherische Verbindung zwischen Innen und Außen steht im Mittelpunkt der neuen Gemäldeserie „Anhauchen“ von Judith Eisler. Die Künstlerin hat sich dafür auf die Suche nach Filmsujets begeben, in denen der menschliche Atem sichtbar wird. Am Anfang von Eislers Beschäftigung stand die Faszination für das deutsche Wort „anhauchen“, das im Englischen kein direktes Pendant kennt. Häufig poetisch verwendet, bezeichnet „hauchen“ eine körperliche Aktivität zwischen Ausatmen und Blasen. „Anhauchen“ impliziert ein Ziel: Mit seiner Körperwärme eine gefrorene Scheibe enteisen oder schmutziges Glas reinigen. Der „letzte Hauch“ bläst das Leben aus; die Seele scheint gerade so viel wie dieser ultimative Luftzug zu wiegen.

Eislers Malpraxis hat die technische Vervielfältigung von Bildern zur Grundlage. Die Künstlerin verbringt Stunden mit dem Betrachten von Videofilmen, wobei ihr Finger auf der Pausentaste ruht. Sobald ein viel versprechendes Moment auftaucht, wird der Fortlauf gestoppt und das nervös eingefrorene Bild vom Monitor fotografiert. Jedes der so angeeigneten Motive hat eine mediale Reise hinter sich, die von den Trägerstoffen Zelluloid, Videoband und Fotomaterial ausgehend ein neues Ziel auf der Leinwand findet. Als Kopien von Kopien tragen diese Bilder Sedimente ihrer Geschichte, Bildfehler oder Unschärfen, die „malerische“ Effekte zeitigen. In der Motivwahl gilt Eislers Leidenschaft den filmischen Zwischenbereichen, beiläufigen Einstellungen, die gemeinhin übersehen werden. Diese überraschenden Momente visueller Unentschiedenheit nennt sie „Erscheinungen“. Die Figuren der Serie „Anhauchen“ wirken tatsächlich geisterhaft, sie treten als halluzinatorische Lichtgestalten oder Schattenwesen auf. Ihre starken Hell-Dunkel-Kontraste verraten die Herkunft der glamourösen Sujets: Ein Scheinwerferspot, wie er den Frauenkopf in „Isabelle“ zu durchdringen scheint, wäre nur schwer fotografisch festzuhalten. Eislers Malerei vermittelt so filmische Spezifika wie Beleuchtung oder Kadrierung. Zudem wird die Farbigkeit betont, die im Film Emotionen auslösen soll, aber auch Autonomie freisetzt. „Farbe lockert die Fesseln der Handlung und verlangsamt das Tempo. Sie war mit dem bloßen Wiedergabe-Realismus des Kinos schwer in Einklang zu bringen“, schreibt Frieda Grafe . Durch ihre aktuelle Kombination von Zeichnungen und Gemälden erinnert Eisler auch an die Umwälzung, die die Einführung des Farbfilms bedeutet hat.

Bilder von Menschen am Telefon oder mit der Zigarette gehören zu den Archetypen des Kinos. Eislers Figuren treten nie in Augenkontakt mit dem Betrachter. Obwohl die Gemälde nicht vorderrangig auf Narration zielen, verströmen sie doch eine psychologische Atmosphäre, ein involvierendes Element von „Suspense“. Die rauchenden Gestalten wirken selbstversunken und voller Spannung. Sie lassen an den schamanischen Gebrauch von Tabak denken, bei dem die rituellen Nebelschwaden eine Verbindung zu den Geistern herstellen und dem berauschten Medium transzendente Erkenntnis ermöglichen sollen. Um 1900 behauptete die spiritistische Fotografie, das Unsichtbare einfangen zu können. Bei einem Typus dieser manipulierten Aufnahmen werden Personen von Rauchwolken begleitet, in denen die Gesichter von Verstorbenen erscheinen. Das zu Nebel verdichtete „Pneuma“ markiert hier die Schwelle, an der ein Austausch zwischen Diesseits und Jenseits möglich wird. Eine solch transgressive Dimension schwingt auch in Eislers Motivwahl aus Filmen wie David Cronenbergs „Extase“ oder „Crash“ mit Hedy Lamarr mit, die von Sehnsüchten nach Überschreitung handeln. Auf den Zusammenhang von Fotografie und Tod wurde unzählige Male hingewiesen. Eislers „Geister“ vermitteln jedoch mehr als die Ambivalenz zwischen Auslöschen und Fixieren: Sie schweben den Betrachter an und ziehen ihn ins Sfumato der Gemälde hinein. Wir lernen, mit den Augen zu inhalieren.