MILIEU _ curated by Mirjam Thomann & Jenni Tischer

14.09.–13.10.2018

MILIEU


KATHARINA AIGNER ( b. 1983. Living and working in Vienna )
MARIA EICHHORN ( b. 1962. Living and working in Berlin )
HANNAH HÖCH ( 1889 - 1978)
TITRE PROVISOIRE ( Collaboration of Cathleen Schuster & Marcel Dickhage. Living and working in Berlin )
STEPHANIE TAYLOR ( b.1971. Living and working in Los Angeles )
MIRJAM THOMANN ( b.1978. Living and working in Berlin )
JENNI TISCHER ( b. 1979. Living and working in Berlin )
MARINA VISHMIDT ( b. 1976. Living and working in London )


Milieu [miˈli̯øː]
französisch milieu
aus: mi- < lateinisch medius = mitten 
und lieu < lateinisch locus = Ort, Stelle

Und Ihr Milieu? Wie würden Sie es beschreiben? Welche Bilder, Worte, Waren, Tiere, Dinge und Informationen fallen Ihnen dazu ein? Wie fühlen Sie, wie bewegen Sie sich, wie kommunizieren und denken Sie in Ihrer Umgebung? Und wie bezieht sich Ihre Umwelt auf Sie?
Das Interessante ist ja: Ein Milieu ist etwas anderes als ein festgeschriebener Kontext oder eine unausweichliche Situation. Es ist eine Verflechtung und ermöglicht eine Theorie der lebendigen Zusammenhänge. Lebewesen und Milieu sind aneinander gekoppelt und befinden sich in einer Dynamik der permanenten Auseinandersetzung, in der es wechselseitig zu Adaptionen und Transformationen kommt. Diese Dynamik gilt im Kleinen wie im Großen, biologisch, physikalisch und soziologisch betrachtet, sie gilt für eine Zelle ebenso wie für eine Bewegung oder eine ganze Gesellschaft.
Es gibt Milieus, zu denen haben alle sofort eine Meinung. Sie kommen in der Presse vor und werden in Talkshows diskutiert, zum Beispiel so: Früher wählte das Arbeiter*innenmilieu traditionell die Kommunistische Partei, heute den Front National – eine Tendenz, die sich bekanntermaßen weit über die Grenzen Frankreichs hinaus zeigt. Didier Eribon schreibt dazu, den Menschen sei das historische Klassenbewusstsein abhanden gekommen. Doch Ungleichheit zeichnet sich durch mehr aus, als das Merkmal, abgehängt zu sein. Es gibt kein Milieu, das sich widerspruchsfrei anhand von geteilten Interessen und Zielen, zeit- und ortsunabhängig, definieren lässt, besonders vor dem Hintergrund einer sich stetig wandelnden Arbeitswelt. Die Herausforderung besteht deswegen nach Eribon darin, von der Erkenntnis in ein Handeln überzugehen, sich den heterogenen Kämpfen anzuschließen und die Spannungen auszuhalten.
Theorien der Umwelt sind auch immer Theorien möglicher Welten. Der Begriff des Milieus beschreibt in diesem Sinne sowohl Möglichkeitsbedingungen als auch Durchlässigkeiten. Er richtet den Blick auf das, was unter bestimmten Bedingungen denkbar oder nicht denkbar ist und eröffnet damit Fragen nach Wahrnehmbarkeit und Darstellbarkeit von Umwelt. Das erinnert ja wohl sehr an Kunst. Der Blick des Menschen auf seine Umgebung ist damit selbst ein Blick, der von dieser Umwelt bedingt ist, es ist ein körperlich bedingter Blick. Milieu bezeichnet also das Verhältnis von Körper und Umwelt, die gegenseitige Durchdringung von Umgebung und Umgebenden. Ist Ihnen klar, dass Sie zugleich Bestandteil und Betrachter*in eines Zustands sind? Klingt ganz schön fiktiv und außerweltlich! Sie bewohnen das Milieu und das Milieu bewohnt Sie. Gerade in der Auseinandersetzung mit diesem Anderen wird Milieu denkbar, schreibt Maria Muhle, und definiert so den Ort, an dem sich die Norm des Lebens ausbildet. Das ist Autonomie und Fremdbestimmung, Determinierung und Handlungsmacht, Spannung und Komplizenschaft, Anfälligkeit und Entgrenzung. Das sind erschwerte Bedingungen und Palmen in Kreuzberg.
Hier ist unser Milieu dasjenige der Ausstellung. Wir interessieren uns für die Vorgaben, die dieses Ausstellungsmilieu macht, die Aktionen, die es ermöglicht und die Zusammenhänge, die es herstellt. Das Verhältnis zwischen Lebewesen und Umwelt ist wie eine Auseinandersetzung, in die das Lebewesen seine eigenen Normen der Bewertung von Situationen mitbringt, in der es die Umwelt beherrscht und sich ihr anpasst, schreibt Georges Canguilhem. Welche Dynamik entsteht zwischen Innen und Außen? Wo verlaufen die Grenzen und wie werden die gegenseitigen Bezugnahmen von Körper, Material und Umgebung im Ausstellungsraum wirksam? Wie werden Übergänge zwischen natürlichen Gegebenheiten und künstlichen, die einen natürlichen Vorgang nachahmen, sichtbar? Wir beobachten uns selbst bei dem Versuch, zurückzuwirken, das Milieu neu zu bestimmen und für einen Moment in Bewegung zu versetzen. Schön, dass Sie dabei sind!

Berlin, Mai 2018
Mirjam Thomann und Jenni Tischer


Quellen
Franziska Brons, „Unter Druck: Medien am Meeresgrund“, Cologne Media Lecture, 8. Februar 2017, http://memo.phil-fak.uni-koeln.de/27888.html; zuletzt eingesehen am 27.04.2018.
Georges Canguilhem, „Das Lebendige und sein Milieu“, in: ders., Die Erkenntnis des Lebens, Berlin 2009 [Franz. Original 1965].
Definition Milieu: https://www.duden.de/rechtschreibung/Milieu; zuletzt eingesehen am 27.04.2018.
Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, Frankfurt/Main 2016 [Franz. Original 2009].
Fabiola Rodríguez Garzón, „Die Widersprüche der Arbeiterklasse“, in: Frankfurter Rundschau, online, 02.02.2017 http://www.fr.de/kultur/literatur/didier-eribon-die-widersprueche-der-arbeiterklasse-a-744349; zuletzt eingesehen am 27.04.2018.
Florian Huber, Christina Wessely, „Milieu. Zirkulation und Transformation eines Begriffs“, in: dies. (Hg.), Milieu. Umgebung des Lebendigen in der Moderne, Paderborn 2017, S. 7–17.
Johannes F. Lehmann, „Welt als Umwelt. Zur ästhetischen Erfindung eines wissenschaftlichen Konzepts bei Diderot, Goethe und Büchner“, in: Huber, Wessely, a.a.O., S. 121–135.
Maria Muhle, „Mixed Milieus. Vom vitalen zum biopolitischen Milieu“, in: Huber, Wessely, a.a.O., S. 35–48.
Laurent Stadler, „Milieu architektonisch. Die ‚Wissenschaft der Planbildung’ als Form von Umgebungswissen“, in: Huber, Wessely, a.a.O., S. 72–87.
Michael Vester, „Die Gesellschaft als Kräftefeld: Klassen, Milieus und Praxis in der Tradition von Durkheim, Weber und Marx“, in: Huber, Wessely, a.a.O., S. 136–175.


Abbildung Front:
Einladungskarte "Milieu", bei After the Butcher, Berlin 2018;
Marilyn Green, Palme in Kreuzberg, 1984 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018.
Foto: n.b.k./Jens Ziehe, 2014.