Jenni Tischer

16.01.–16.02.2013

SECOND THIRD FOURTH MAKER

Die Bezeichnung „SECOND MAKER“ geht auf den britischen Philosophen Anthony Ashley-Cooper, 3rd Earl of Shaftesbury zurück. Er spricht Anfang des 18. Jahrhunderts vom Dichter als Schöpfer nach Gott. Was schnell als biblischer Frevel missverstanden werden konnte, ist der Beginn des modernen, autonomen Autors. In der Auseinandersetzung mit moderner Autorschaft führt Jenni Tischer in der Figur des „third“ und „fourth maker“ vor Augen, dass ein Werk erst zum Werk wird durch eine Vielzahl von Vor- und Nachbildern, Perspektiven, Entscheidungen, Voraussetzungen, Konstellationen und Möglichkeiten, kurz: dass das Werk als Prozess zu denken ist.

Bei der Auseinandersetzung mit Produktions- und Konstitutionsbedingungen von Kunstwerken treten ihre Grundstrukturen zu Tage. Um zu verstehen, wie Bedeutung in ein Kunstwerk kommt, kreist Jenni Tischer um Fragen der Herstellung, der Prozesse, der Materialien. Die Arbeiten werfen demnach die Frage auf, wie ein Werk entsteht, welche Prozesse z.B. bei seiner Herstellung stattfinden und wie das Material bearbeitet wird. Der Umgang mit den Materialien wird aufgewertet und als eigenständiger Teil des künstlerischen Prozesses sichtbar gemacht.

Jenni Tischers Objekte bestehen aus farbigem Holz, Papier, Stoff, Zwirn und Glas. Sie baut Rahmen, verspannt sie mit Zwirn, webt nicht lesbare Textfragmente ein oder verknotet Materialien als Collage zwischen zwei Glasplatten. Der Rahmen als das, was ein Bild konstituiert, wird selbst in eine Halterung gebracht, in Stoff eingewickelt oder ineinander gesteckt zu einem räumlichen Gebilde. Glas als Referenz auf das Diaphane hält einzelne Materialien der Objekte in einer Konstruktion zusammen. Durch die Verwendung gerade dieser Materialien werden flexible Oberflächenästhetiken erzeugt, die modellhaft für Bildbegriffe stehen. Ihre minimalistische Ausführung lässt Raum für Assoziationen, die die reduzierten, abstrakten Objekte mit den Topoi der Kunstgeschichte aufladen. So erinnern die gefüllten Glasplatten an Messinstrumente wie Winkelmesser genauso wie an sich auflösende Farbenkreise.

Jenni Tischers Werke sind Anschauungsmodelle von lyrischer Qualität. Sie folgen den Regeln der Poesie. Dabei geht es in ihren Arbeiten weniger um konkrete Anspielungen als um Referenzen auf theoretische Modelle ästhetischer Konstruktionen, um Werkproben und zum Werk erhobene Materialkonstrukte. Die Probe als Vorstufe und das Modellhafte der Konstrukte betonen die Unabgeschlossenheit und Dynamik einer Werkschöpfung. Ein lose hängender Zwirn in „Emblem (I)“ deutet es an.

Mirjam Wittmann