Sofie Thorsen

16.02.–17.04.2010

TOKYO MARCHING SONG


Dancing to Jazz, liquor in the wee hours,
And with the dawn a flood of tears for the dancer...
Vast Tokyo is too small for love,
Fashionable Asakusa, secret trysts...
Long-haired Marxist boys, ephermal love of the moment...
Shall we see a movie, shall we drink tea, or rather shall we run away on
the Odawara express?


Nakayama Shinpei hat 1929 einen der ersten Jazzsongs Japans, „Tokyo March“, komponiert, der sich innerhalb des ersten Jahres mehr als 300 000 mal verkaufte. Hoch kontrovers wegen seiner Darstellung des Nachtlebens und genau deswegen auch auf den Index geraten, wurde dieses Lied zur Hymne des progressiven japanischen Modernismus. Der hier zitierte Ausschnitt des Liedes geht auf die erste, zensierte Fassung zurück, die Version, die dann bekannt und populär wurde, entbehrt den marxistischen Inhalt um stärker auf kommerziellen Typologen der Japanischen Moderne zu fokussieren. Japans Jazz Age war eine kurze Phase intensiver Diskussion, Neugierde, Offenheit, und künstlerischer und architektonischer Freiheit, die sich noch heute fragmentarisch von den Fassaden Tokyos ableiten lässt. Sofie Thorsen hat die verschiedenen englischen Übersetzungen des Liedes zum Ausgangspunkt genommen, um auf zwei Aspekte dieser Ausstellung zu verweisen. Während der Ausstellungstitel „Tokyo Marching Song“ auf die musikalische und damit rhythmische Verbindung aller Ausstellungsteile verweist, ist der Werktitel „Tokyo March“ eine Referenz auf die Dynamik, die dieser Bewegung inne wohnt.

Sofie Thorsen knüpft in dieser Ausstellung an Aufrisszeichnungen der Fassaden der Ginza an, die in der Zwischenkriegszeit innovativste und bis heute wichtige Einkaufsstrasse der Stadt. Angefertigt wurden sie zwischen 1930/31 von Yoshida Kenkichi, einem Künstler, Bühnenbildner und Mitentwickler der Modernologie, eine Theorie, die aufbauend auf den Erfahrungen des großen Kanto - Erdbebens von 1923 die Erscheinungen urbaner Modernität untersuchte. Die Zeichnungen sind als Analyse der bestehenden Kompositionen von Geschäftsfassaden zu verstehen und fokussieren insbesondere auf die kommerziellen – westlichen wie auch japanischen – Typologien, die in Form von Neonzeichen, Schildern und Shopfenstern auftauchen und mittels einer Legende lesbar werden. Ähnlich wie in der späteren Pop-Art, wurde das kommerzielle Leben als Merkmal, als Experimentierfeld und nicht zuletzt als Bühne modernen Lebens erlebt. Thorsen zoomt mit der Kamera in diesen Straßenzug hinein, nimmt Ausschnitte, vergrößert, verkleinert wieder, zeigt zeichnerische Überlagerungen wie auch architektonische Details, die sich durch einen hohen Variantenreichtum auszeichnen. Die einzelnen Darstellungen werden in der Diainstallation „Tokyo March“ gezeigt, die analog zum Liedtext aus vier, in unterschiedlichen Rhythmen abgespielten Kapiteln besteht. Der zweite inhaltliche Schwerpunkt der Diainstallation bildet sich aus dem fotografischen Archivmaterial, das die Zeichnungen in ihrer Bedeutung weiter entschlüsseln. Die Bilder sind so ineinander geblendet, dass sie die Architektur in Bewegung setzen. Thorsen holt die Strukturen hinter der Abstraktion hervor, um den architektonischen Vorstellungen dieser gezeichneten Häuserzeile auf die Spur zu kommen. Nur der einzelne architektonische Fassadenausschnitt, singulär und in sich bedeutend, leuchtet in s/w gehalten auf der Wand auf und verdoppelt so den Fassadenbegriff. Diese komplexe Bildebene besteht nicht nur aus der Rekonstruktion der Fakten, sondern macht die lesbare und die nicht-lesbare Fassade gegenseitig interpretierbar.

Die nach dem Erdbeben von 1923 entstandene „Signboard“ – Architektur (Kanban Kenchiku) besteht hauptsächlich aus einem unbedeutenden Baukörper mit einer elaborierten, zur Strasse gewandten, zumeist farbigen Fassade. Die Zeichnungen im zweiten Teil der Ausstellung nehmen daher Bezug auf noch vereinzelt bestehende Häuser, die parallel zu den Fassaden der Zeichnungen Yoshidas die neue Gebäudetypologie der damaligen Zeit aufscheinen lassen. Thorsen abstrahiert diese Architektur und kennzeichnet bestimmte Fassadenelemente mit Farben, wodurch ein flächiges Ensemble von Grundformen erscheint, welches aus heutiger Sicht an die Modernologie der 20er Jahre anzuknüpfen scheint. Dabei hebt sie mittels der Zeichnung, die als analytisches Element die verschiedenen Ebenen oder Überlagerungen von Architektur extrahiert und sichtbar macht, den Modellcharakter einzelner Architekturen hervor.
Im Eingangsbereich ist als Prolog zur Ausstellung ein Print zu sehen, der Eintrittskarten von Tanzclubs der 20er Jahre zeigt. In fast dadaistischer Manier mit japanischen Elementen gehalten ist in dem Referenzmaterial eine Rhythmisierung enthalten, die sich in der Ausstellungsarchitektur wie auch in den einzelnen Arbeiten wiederfindet. Der Rhythmus des Diaprojektors wird von den Zeichnungen aufgenommen, die aufgrund ihrer Farbgestaltung, ihrer verschiedenartigen Formgebung wie auch der schwarz gehaltenen Wände, auf denen sie sich befinden, Bewegung suggerieren. Hierdurch und durch die Formgestaltung der verschiedenen Zeichnungen entsteht eine Rhythmisierung der Ausstellung. Die Aktualisierung und Vergegenwärtigung von Geschichte findet damit ihre formal adäquate Form, so dass sie in die Gegenwart übersetzt werden kann.

Wie schreiben sich kulturelle, ökonomische und politische Parameter in die Gestaltung von Stadt, Raum und Architektur ein? Um dieser Frage nachzugehen, vereint die Ausstellung unterschiedliche Erzählebenen, die wie ein postmoderner Roman die Ursprungszeichnung aufmacht und sie in einen kulturhistorischen Kontext setzt. Die Zeichenebene der japanischen Moderne wird dabei in die Zeichensemiotik der Postmoderne übersetzt. Die Erzählebenen vereinen Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Fiktion, um die kulturellen Verhältnisse hinter den Bildern aufzudecken wie auch die Neuinterpretation gebauter Historie zu ermöglichen. Gerade der entworfene Raum ist immer ein politischer Raum, der bestimmte Ordnungen, Werte und Beziehungen zwischen Menschen impliziert, der Sehnsuchtsmodelle aufmacht und eine Vision von Gesellschaft aufzeigt.

Text: Bettina Steinbrügge