Hannes Böck

17.09.–08.11.2008

New Hefei

In seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie Krobath Wimmer zeigt der in Wien lebende Künstler Hannes Böck seine in den vergangenen zwei Jahren entstandene Arbeit New Hefei. Die Ausstellung besteht aus einer 10-minütigen 16mm S/W-Film-Projektion, die in der Galerie gemeinsam mit Farbfotografien gezeigt wird, die ein Jahr vor den Filmaufnahmen an den gleichen Orten entstanden sind. New Hefei wurde in Hefei, der Hauptstadt der ostchinesischen Provinz Anhui gedreht und verhandelt die Darstellung von radikaler wirtschaftlicher Prosperität und der von ihr geformten Räume.

New Hefei beginnt mit einer von Verkehrs- und Gesprächslärm durchfluteten Straßenszene im Stadtzentrum. Die Kamera löst unter den PassantInnen die Figur eines jungen Mannes heraus, dessen Schritte sie im Laufe des Films immer weiter in die im Entstehen begriffenen Projektlandschaften des chinesischen Städtebaus begleitet. Die weichen Schwarz-Weiß-Kontraste, die von der Kamera inszenierte Interaktion zwischen Akteur und Umraum, die Bildchoreographie aus langsamen Schwenks und Kamerafahrten, die von Großaufnahmen durchbrochen sind und nicht zuletzt die gezeigten Stadtlandschaften selbst verweisen auf die Darstellung des italienischen Nachkriegs-Wirtschaftswunders („il Boom“) bei Michelangelo Antonioni. Der Austausch von italienischen und chinesischen Stadträumen erzeugt dabei keinen Bruch, sondern lässt die Parallelen zwischen zwei historisch und geografisch getrennten Modellen urbanen und ökonomischen Wachstums erkennen.

In New Hefei gelangt also ein filmästhetischer und erzählerischer Kanon zur Anwendung, der seine bekannteste Ausprägung im italienischen Neorealismus und seiner Nachfolge hat. Die einsame Stadterkundung des Protagonisten nimmt Bezug auf Antonionis 1961 gedrehten Film La Notte, in dem Jeanne Moreau einen Spaziergang in der Peripherie Mailands unternimmt, ebenso wie bei der mehrminütigen Schlusssequenz von L’Eclisse (1962), in der die von den HauptdarstellerInnen längst verlassenen Straßenzüge des E.U.R.-Viertels in Rom selbst zu stummen Zeugen totaler Umformung werden.

Hannes Böcks filmische und fotografische Arbeit ist das, was Roland Barthes eine „Kunst der Zwischenräume“ genannt hat. Wenn etwa die Kamera sich erst mit etwas Verspätung mit der Figur in Bewegung setzt, um diese dann wieder zu verlieren, die Einstellungen andauern obwohl die Darsteller die Szenen schon längst verlassen haben, wechselt der Raum vom Hintergrund zum Protagonisten, von der Matrix der Narrative zum Subjekt der Handlung. Dadurch wird die Hauptfigur in New Hefei in einen Spannungsmoment versetzt, deren Abstraktion dann auch als ein Prozess der Historisierung lesbar wird. Der Blick der Kamera fungiert ähnlich dem Angelus Novus, Walter Benjamins Engels der Geschichte, „als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt.“

Aus dem aktuellen Geschehen heraus wirft Hannes Böck einen veränderten Blick auf die Gegenwart Chinas und die Geschichte des europäischen und asiatischen Kinos, indem er ein Zusammentreffen von geschichtlichen Momenten sucht. Die Wahrnehmung eines zeitgenössischen Umbruchs trifft auf eine verwandte europäische Erfahrung in einer bereits vollzogenen und im Film aufgezeichneten Modernisierung und wird so als ein Moment der Aktualität und der Wiederholung zugleich fassbar.