Abstrakte Fotografie

18.01.–23.02.2013

Abstrakte Fotografie

Die Fotografie als technisch gebundenes Medium der Abbildung einer vermeintlich geglaubten Wirklichkeit variiert in ihrer Formensprache zwischen einer realitätsnahen Darstellungsweise und einer fiktionsorientierten Reduzierung oder Manipulierung des abzubildenden Inhalts. Als Folgeprodukt der Moderne führt sie die Abstraktionsgeschichte der Malerei in ihrer Auseinandersetzung mit Belichtungsprozessen fort. Das Interesse an der Arbeit mit Lichtprozessen brachte Künstler wie László Moholy Nagy oder Man Ray in den 1920er Jahren dazu, ihre Rayogramme als erweiterte Malerei mit Licht und Chemikalien zu sehen und dabei die Abbildungsmöglichkeiten der Kamera außen vor zu lassen. Die Unikate, die durch die Direktbelichtung der Gegenstände auf Fotopapier entstanden, verweisen entgegen der Benjaminschen Betrachtung von Fotografie auf den Originalitätscharakter des Kunstwerks, da hier die malerische Performanz dem Belichtungsprozess gleichgestellt werden kann. Obwohl die Technik des Rayogramms bzw. der Fotografie als solche anfänglich nicht als Kunst betrachtet wurde, erscheint deren Zuweisung Jahrzehnte später eindeutig.

Dass die Abstraktionsprozesse fotografischer Techniken der Moderne nach wie vor das Interesse künstlerischer Auseinandersetzung bilden, zeigen die Werke der vier KünstlerInnenpositionen der Ausstellung in der Galerie Krobath. Auch hier finden sich Ansätze einer erweiterten Malerei, vor allem in den Arbeiten Otto Zitkos und Esther Stockers. Obwohl beide KünstlerInnen primär Malereipositionen vertreten, dient die Beschäftigung mit der Fotografie kontinuierlich als künstlerisches Reflexionsmoment. Otto Zitko setzt sich in seinen Spirogrammen mit dem medizinischen Apparat des Spirometers auseinander, der zur Aufzeichnung der Lungenkapazität dient. Die dadurch aufgezeichneten Atembewegungen korrelieren mit Zitkos grafischem Ansatz und geben des Künstlers Atembewegungen als fotografische Realität auf Holz oder Glas wieder. Dadurch fokussiert der Künstler auf die Technizität der Bilder, die ihre Formgebung auf reale Vorgänge gründet. Esther Stocker überträgt die modernistische Formensprache ihrer Malerei direkt mit dem Dispositiv der Fotografie auf das Papier. Die strenge Rasterung von Stockers Malerei wird hier jedoch aufgebrochen, indem sie gefaltete Papierformate der ansonsten strengen Formgebungen fotografiert, die dadurch in eine Dreidimensionalität verwandelt in ihren Bruchlinien auf einer fotografischen Oberfläche präsentiert werden.

Běla Kolářová und Maria Hahnenkamp gehören zu jenen Künstlerinnen, die sich in ihrem Werk explizit mit dem Medium Fotografie auseinandersetzen. Kolářová gehört jener Generation tschechischer KonzeptkünstlerInnen der 1960er Jahren an. Sie verweigerte von Beginn die Verwendung von Fotografie als abbildendes Medium, da diese für sie die Welt nicht in dem ihr gebührenden Ausmaß wiedergeben konnte. Daher wandte sie sich ähnlich wie Moholy Nagy und Man Ray der Darstellung von Objekten durch deren Belichtung auf Fotopapier zu, ohne dabei die Kamera einzusetzen, um die Welt nach ihrer eigenen künstlerischen Sichtweise besser appropriieren zu können.

Maria Hahnenkamp verwendet eine reale fotografische Abbildungstechnik, jedoch entsteht durch den gekonnten Einsatz von Blitz auf einer transparenten Folienoberfläche jener abstrakte Effekt, der durch den multipel einstrahlenden Lichteffekt erzielt wird. Dadurch schließt sie jenen Bogen des reinen Einsatzes von Licht mit abstrakten und fotografisch entwickelten Formgebungen.

Walter Seidl