Brigitte Kowanz

18.09.–06.11.2010

„Das Licht war als künstlerisches Medium für Brigitte Kowanz von Anfang an ein Mittel der Überschreitung und Präzisierung gleichermaßen“, schreibt Rainer Fuchs im Katalogtext zur umfassenden Retrospektive der Künstlerin, die noch bis Oktober 2010 im Wiener Mumok zu sehen ist. Nämlich: „Zu überschreiten galt es einen konventionellen Bild- und Malereibegriff, um damit ein neues, integratives Verhältnis zwischen Werk, Raum und Betrachter zu präzisieren.“

Damit wäre eigentlich auch schon alles gesagt. Wenn Licht nur nicht, um sich an die Definition von Brigitte Kowanz selbst zu halten, derart „geheimnisvoll“ bleiben würde. Licht kann sich als Welle, aber auch als Teilchen zu erkennen geben, meint sie, und was man sieht, eben Welle oder Teilchen, hängt ganz von der Fragestellung ab und von der Messapparatur des Betrachters.

Licht als Summe von Bildern, die sich ebenso ergänzen wie sie sich gegenseitig ausschließen. Die Arbeiten, die Brigitte Kowanz in ihrer zweiten Einzelausstellung bei Krobath präsentiert, rufen scheinbar konträre Sinneseindrücke hervor - frei nach dem Wissenschaftspublizisten Ernst Peter Fischer, der postuliert, dass es „zu jeder Beschreibung von Wirklichkeit eine zweite gibt, die der ersten entgegenläuft, die aber gleichberechtigt mit ihr ist.“

Monochrom leuchtenden Farbkleckse aus der jüngsten Werkgruppe der „Speechbubbles“ treten in einen Dialog mit der Arbeit „Zeittiefe“ von 1997, bei der mithilfe von rotierenden Signallampen hinter weißen Acrylglasscheiben bewegte Licht-Schattenräume erzeugt werden, filmische Welten sozusagen.

In der Gegenüberstellung dieser beiden Werkgruppen, die Zeit in ganz unterschiedlichen Geschwindigkeiten umsetzen, wird ein Gedanke Vilém Flussers sicht- bzw. nachvollziehbar: „Raum ist geronnene Zeit und Zeit ist geronnener Raum“.

Um den Wechselwirkungen zwischen diesen formal divergenten Werkgruppen auf den Grund zu gehen, muss man bis in die 80er-Jahre zurückschauen, als Brigitte Kowanz begonnen hat, sich intensiv mit dem Medium Licht auseinanderzusetzen. Licht sichtbar zu machen bedeutet für sie „auf das scheinbar Selbstverständliche und Allgegenwärtige aufmerksam zu machen, es ins Bewusstsein zu heben, um an dessen eigene Tücken und blinde Flecken zu erinnern“.

Rainer Fuchs beschreibt diese frühen Arbeiten folgendermaßen: „Unter Einsatz punktförmiger Lichtquellen und teils sandgestrahlter Gläser wurden zunächst gezielt Licht-Schatten-Räume in vorgegebene Architekturen, das heißt imaginäre in reale Räume projiziert, wie derzeit in der Ausstellung im MUMOK zu sehen. Die feinen transparenten Schattierungen bilden begehbare Scheingeometrien und künstliche Einblendungen von fragiler und flüchtiger Gestalt.“ Und weiter: „Was sich zeigt ist ein energetisch stabilisierter Prozess - etwas Vorgängiges.“

Rainer Fuchs sieht „Zeittiefe“ in der Folge als eine direkte Weiterentwicklung: „In den Arbeiten mit den rotierenden Signallampen, die Raum und Betrachter impulsartig einfärben und alle festen Grenzen rhythmisch überblenden, finden die Licht-Schatten-Räume eine ins Zeitlich-Dynamische transformierte Ausprägung. Hier wird das zunächst in der Malerei erzeugte Umspringen der Bildmotive und deren irrlichternde Qualität radikalisiert und in ein raumzeitlich-monochromes Stakkato überführt.“

Die zeitlich-dynamische „Zeittiefe“ trifft bei Krobath auf die eingefrorene Dynamik der „Speechbubbles“. Bei diesen Werken wird die Umrisslinie der kreisförmig angeordneten individuellen Handschrift zur Grenzlinie einer Fläche. Die Form entwickelt sich aus der Bewegung des Schreibens. „Basic Idea“, „Flashover“ und „Outshine“ werden zu Momentaufnahmen einer Dynamik, sind „Stills“ vom konstruierten Prozess des Schreibens. Wenn wir die Arbeit „Basic Idea“ als Beispiel nehmen, so scheint hier die Kontur als diffus verschwommene, oszillierende Lichtlinie direkt aus dem Inneren des Farbfeldes aufzutauchen. Die „Speechbubbles“ werden zu Vexierbildern, changieren zwischen Schrift – Fläche – Farbklecks – Raum – Bewegung. Der Klecks ist zugleich Code der Schrift (des Schreibens) und der Malerei (des Malens).

Die Malerei als unterschwelliges Thema ist in Brigitte Kowanz’ Werk – insbesondere in der hier präsentierten Gegenüberstellung - präsenter, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Darauf weist auch Peter Weibel in seinem Katalogbeitrag für den MUMOK-Katalog hin, in dem er den Bogen spannt von der Farblichtmalerei über den Film bis hin zur Lichtkunst von Brigitte Kowanz: „von einem Bild zur Sukzession vieler Bilder, von der Leinwand zum Kader, von der Malerei zum Film“ – und weiter: „aus dem dargestellten Licht in der Malerei wurde das reale Licht in der Kunst“.


Text: Krobath Wien