Sofie Thorsen

19.03.–26.04.2014

Die Arbeit von Sofie Thorsen setzt sich mit Fragestellungen modernistischer Formgebung auseinander, die räumliche Denkansätze begründen bzw. das Dispositiv Raum ins Zentrum der Betrachtung rücken. Eingriffe in den realen Raum bzw. visuelle Darstellungen desselben führen bei Thorsen dazu, architektonische Parameter und die damit verbundenen Konstruktionen neu zu definieren.

Während ihres Aufenthaltes in New York im Rahmen des ISCP Stipendiums 2013 begann sich Thorsen mit der Funktion von Schlag- bzw. Markierschnüren auseinanderzusetzen. Schlagschnüre dienen als Hilfsmittel, um per Farbabdruck gerade Linien über eine längere Distanz herzustellen. Ihre Anwendung lässt sich hauptsächlich im Innenausbau bzw. bei architektonischen Vorgängen im Allgemeinen finden. Versuche der Auftragung gerader Linien mittels Schlagschnur in einem mehrschichtigen Verfahren führte Thorsen in ihrem New Yorker Atelier durch, die künstlerisch vor kurzem auch in einer Ausstellung bei IMO in Kopenhagen zu tragen kamen und sich nun in der Einzelpräsentation in der Galerie Krobath im gesamten Ausstellungsraum konkretisieren.

In ihrer aktuellen Ausstellung versucht Thorsen die Gesetze der Axonometrie mittels Schlagschnur zu ergründen. In diesem Verfahren der darstellenden Geometrie verwendet sie die Koordinaten wesentlicher Punkte, um räumliche Verschachtelungen der drei Koordinatenachsen auf den Galeriewänden miteinander zu verknüpfen. Räume verschränken sich ineinander und überlagern sich, wodurch aus der multiplen Dreidimensionalität eine räumliche Verflechtung resultiert. Als Ausgangspunkt dient hier die Axonometrie, wie sie in der asiatischen und speziell der japanischen Kunst über die Jahrhunderte zur Darstellung kam. Axonometrische Strukturen wurden in Europa vor allem mit der Moderne wieder virulent und prägen bis heute Darstellungen von architektonischen Räumen, da hier im Gegensatz zur Zentralperspektive eine anti-hierarchische Raumorganisation entsteht. Diese Einflüsse zeigen sich auch in Thorsens aktuellen Arbeiten und den mit schwarzem Pigment direkt auf die Ausstellungswände aufgetragenen Linien. Mittels der mit Schlagschnur entstehenden Linien visualisiert Thorsen unterschiedliche räumliche Matrices, deren genaue dreidimensionale Verankerung jedoch nicht mehr lokalisiert werden kann. Die sich vervielfachende Räumlichkeit rekurriert wiederum auf japanische Paravents oder Schirme, die unterschiedliche räumliche Ebenen definieren und durch die Faltung ihrer Aufstellung diese Ebenen brechen. Durch die Anreihung mehrerer räumlicher Geflechte erzeugt Thorsen eine horizontale Narrationskette bar eines subjektiven Schnittpunktes.

Zusätzlich zu den Wandzeichnungen präsentiert Thorsen Paneele, die an die Wand gelehnt sind und andererseits auch die Zweidimensionalität der mit Schlagschnur entstehenden Linienführung betonen. Die hier entstehenden Ebenen werden entgegen der schwarzen Wandlinien mit verschiedenen Farben angedeutet, die den japanischen Paravent-Vorlagen entnommen sind und durch ein „Weben“ der einzelnen Farblinien wiederum neue Flächen entstehen lassen. Thorsens Paneele dienen als Querverweise zur Dreidimensionalität der großformatigen Wandarbeiten und versuchen gleichzeitig mit den Raumachsen der Galerie zu brechen. Diese Schirme dienen dazu, sowohl dahinterliegende Bildteile zu verdecken und gleichzeitig neue Bildebenen zu schaffen, wie es auch in der japanischen Kunst Tradition ist. Die Fragmentiertheit der Bildebenen schafft eine schemenhafte Kabinettsituation, wendet sich jedoch gleichzeitig von der klassischen Paravent-Struktur ab. Dadurch untersucht die Künstlerin die Grundparameter von Material, Strich, Raum und Fläche. Die subtile Linienführung der mittels Schlagschnur entstehenden Raumgeflechte veranlasst BetrachterInnen, sich mit den architektonischen Grundparametern und perspektivischen Veränderungsmodulen auseinanderzusetzen und Verschiebungen traditioneller Raumverhältnisse zu ergründen.

Walter Seidl