Die Wörter in den vier Ecken

19.09.–02.11.2013

Die Ausstellung „Die Wörter in den vier Ecken“ zeigt neun zeitgenössische Positionen, die explizit mit
der Verbindung von Wörtern und Bildern als Kunst arbeiten. Auch wenn die Kombination von Text- und Bildsprachlichkeiten (als zweier Mitteilungsebenen) auf einem Bildträger oder medialen Format eher alltäglich klingt, ist in der Bildenden Kunst dieses mediale Crossover keinesfalls so gang und gäbe, wie es beispielsweise in der Werbung üblich ist. Auf Anhieb scheint hier eine verquere Trennung zwischen sogenannten konzeptionellen und bildnerischen Arbeitsweisen ein möglicher Grund zu sein. Oder im Falle verschiedener tradierter Malereibegriffe erscheinen typographische wie schriftliche Bildanteile als Bedrohung illuminativer Kontemplationsmodelle. In diesem Sinne könnte man auch sagen, haben sich insbesondere große Teile der bildgebenden Kunst anscheinend für einen fortdauernden `Stummfilmstatus´ entschieden. Demgegenüber liefert die Ausstellung einen kleinen ausgesuchten Überblick innerhalb medialer Konstellationen, die die beschriebenen Möglichkeiten, beide menschliche Hirnhälften synchron anzusprechen, nicht außer Acht lassen wollen.

Der gemeinsame Nenner der Ausstellung wird zum kleineren Teil von ausstellenden Künstlern in ver–
gleichbarer oder auch konkurrierender Weise bespielt. Irène Hug, Gunter Reski und Wawrzyniec Tokarski arbeiten mit slogan- und schlagzeilenartigen Versatzstücken im Bild- und Installationsraum. Irène Hugs Arbeiten agieren zwischen Sprachirritation, entfremdeter konkreter Poesie und skulpturaler Wortzersetzung. Die zerbrochene Signifikantenkette wird hier durch wortwörtliche Objektwerdung einzelner Begriffe noch weiter fragmentiert. Wawrzyniec Tokarskis Displaymalerei strotzt nur so vor Botschaften und Willen zum Allover-Statement. Scheinbar. Versiert und unterhaltsam führt er (mit einer Art semiotischer Messagemassage) per Ambivalenzen und Doublebindings die fließenden Grenzen zwischen überkommenem Agitprop und aktueller Werbehysterie vor.

Der größere Teil der Ausstellungsteilnehmer operiert mit Bild- und Textmomenten in sehr unterschiedlichen Formatierungen. Friederike Feldmann untersucht sinnfreie handschriftliche Anmutungen auf ikonographische Präsenzen. Ein psychographischer Duktus im entleerten Sprachgewand erinnert auch an Unmengen nicht mehr geschriebener Briefe heutzutage. In den gezeigten Bildern Uwe Hennekens (er ist eher für eine tragikomisch neoromantische Bildwelt bekannt geworden) werden menschliche Kernbegriffe durch Bildbestandteile wie Vögel oder Bäume befremdlich flüchtig in Szene gesetzt. Anna Meyers Installationen und ihre „Nachkrisenmalerei“ bewegen sich kontrovers in einem vernachlässigten politischen wie kunstgeschichtlichen Agitationsraum („Futurefeminismus“). Eine humorig wie traurig verzaubernde Poesie wird bei Markus Vater in wenigen treffenden Zeilen durch zeichnerische Bildanteile multipliziert („Der Mann veränderte seine Wesensform! Er wird eine Verspätung.“). Zwischen Protestbanner und Flyer-Arte Povera bilden Stefan Marx’ großzügige wie leichtfüßige Bildarrangements eine bisher selten vertretene Stilposition. Jeder Text enthält unweigerlich eine Vielzahl möglicher anderer Texte. Was üblicherweise auf Subtexte, Rhetorik und weit gestreute Lesweisen zutrifft, nimmt Natalie Czech wortwörtlich, wenn sie in unterschiedlichsten Druckerzeugnissen per handschriftlicher Markierung darin verborgene Gedichte der Weltliteratur ausfindig macht. Werden diese möglicherweise unterschwellig von uns selbst unbemerkt auch immer mit gelesen?