Mirjam Thomann

20.01.–02.03.2016

In der Ausstellung Women and Space zeigt Mirjam Thomann die dritte Version ihrer Rekonstruktion einer Ausstellungsarchitektur der italienisch-brasilianischen Architektin Lina Bo Bardi. Die in den 1960er Jahren für das Museu de Arte de São Paulo entworfenen „easel panels“ Bo Bardis bestehen aus Betonkuben mit vertikal eingelassenen Glasscheiben, die als Hängefläche für Sammlungswerke des Museums dienten. Thomann bezog sich zum ersten Mal in ihrer Arbeit Aufstellung, 2010, auf diese historische Displayarchitektur und kombinierte sie mit Spiegeln, Leinwandüberzügen und monochrom bemalten Paneelen, für die sie eine Farbpalette des amerikanischen Modedesigners Ralph Lauren verwendete. Eine weitere Version der Arbeit wurde 2011 im Außenraum unter dem Titel Aufstellung (Tennisplatz) anlässlich einer Ausstellung des Westfälischen Kunstvereins in Münster realisiert. Die bei Krobath gezeigte Aufstellung (Women and Space), Teil 1–5, 2010/2015, besteht aus fünf Displays. Die Farben Exposed, Trophy, Studio Purple, Studio Cream und Artist Grey aus der Palette der Ralph Lauren Lifestyle Colors wurden hier direkt auf das Glas bzw. den Spiegel aufgetragen und die Kuben teilweise durch Betonaufschüttungen erweitert bzw. ersetzt.

Die Fotografieserie "I Had The Key But Not The Key, Teil 1–6", 2015/16 dokumentiert die gleichnamige Arbeit, die Mirjam Thomann 2015 während eines Stipendiumaufenthalts in den Mackey Apartments, Los Angeles, realisierte. Sie besteht aus drei Fenstermalereien – so genannten „window splashes“ – die der Fenstermaler John King von King Sign & Graphics, West Hollywood, im Auftrag der Künstlerin auf die Fenster des Apartments übertrug, das Thomann während der Residency bewohnte. King, der für gewöhnlich Schaufenster mit Werbebotschaften bemalt, verwendete hierfür die für window splashes üblichen neonfarbenen Symbole Pfeil und Hacken und kombinierte sie mit einer Farbpalette, die auf die Innenarchitektur der Mackey Apartments zurückgeht. Der Verlauf von Hellgrau über Türkis hin zu Orange entspricht dabei der Abfolge der Farben in den Apartments des von Rudolph Schindler in der 1930er JKahren gebauten Hauses vom Untergeschoss zum Penthouse.

Von Women and Space, 2016, einer gerahmten Schwarzweißkopie einer Buchseite, sind in der Ausstellung drei Exemplare zu sehen, die über den Raum verteilt gehängt sind.
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Noch jedes künstlerische Handeln basiert auf Prämissen. Die Tradition eines Mediums, das Wissen einer Generation, die Ausbildung zur Künstlerin, der Kanon eines Milieus, die Bedingungen einer Institution, die Vorgaben einer Raumsituation, die Machtverhältnisse im Betrieb: Sie sind das, was künstlerischen Entscheidungen vorausgeht und ihnen zugrunde liegt, und sie wurden lange Zeit als so selbstverständlich angesehen und behandelt, dass ihnen allenfalls eine implizite Bedeutung zukam. [ … ]

Mirjam Thomann teilt sehr entschieden die historisch entwickelte Aufmerksamkeit für das Vor- liegende und Vorauszusetzende. Die Umstände, denen sie auf dem Weg zu einem neuen Projekt, einer neuen Arbeit begegnet, werden nicht aus dem Weg geräumt, sondern neu konfiguriert, arrangiert, inszeniert, ergänzt. Dabei schöpft ihre künstlerische Praxis, bewusst oder unbewusst, effektvoll aus der Etymologie des englischen „premise“. Im Sinne der argumentativen Logik ist eine Prämisse, auch im Englischen, die Voraussetzung, aus der sich eine Schlussfolgerung ablei- tet. „Premise“ aber hat zudem juristische Bedeutungen. Das Wort bezeichnet dann zum Beispiel eine früher erwähnte Stelle in einem Dokument oder „a basis, stated or assumed, on which rea- soning proceeds“ – den Ort, auf den sich die juristische Argumentation bezieht, um ihre Plausibilität zu gewinnen.

Über diese logisch-juridische Dimension hinaus kann mit „premise“ je nach Zusammenhang aber überdies ein Stück Land mitsamt der sich auf diesem befindlichen Gebäude oder ein einzelnes Gebäude, mitunter nur ein Gebäudetrakt gemeint sein. In diesem architektonisch- räumlichen Zusatzsinne entwickelt der Begriff der Prämisse bei Mirjam Thomann eine besondere Erklärungskraft. Architektonisch-räumliche Gegebenheiten, „premises“, begreift die Künstlerin als Stoff und Herausforderung. Es ist der Rahmen der Voraussetzungen. [ ... ] Ihn anzuschauen, sich ihm zuzuwenden, ihn zu betreten sind potenzielle Handlungen. Die Gegebenheiten zeigen sich in ihrer Eigenschaft, etwas mit ihnen anstellen, sie wiederlesen, sie überschreiben zu können. „Premises“ wären also dazu da, mit Situationen, Unvorhergesehenem, auch Leuten gefüllt und erweitert zu werden [ ... ] Dabei erhöhen die Zugabe oder der Entzug von Information die Begreifbarkeit der Verhältnisse. Geschichte als Bedingung gegenwärtigen Handelns zu erkennen weckt politisches Interesse. Der White Cube ist ja, gegen alle anderslautenden Behauptungen, nie das, was er sein soll. In der Abweichung vom modernistischen Ausstellungskörper öffnen sich Lücken für Korrekturen an der Erfahrung, die diese zu einer ästhetischen machen. [ … ]

Dem Ernst der Auseinandersetzung mit dem Vorliegenden korrespondiert [dabei] eine spielerische, bisweilen ins Unernste kippende Mischung aus Reverenz und Irreverenz. Die Prämissen und „pre- mises“ werden geschätzt, im doppelten Sinne von gemocht und taxiert. In Thomanns interessierten Zuwendungen liegt immer auch ein Blick für Schwächen und unausgeschöpfte Potenziale.

Auszug aus: Tom Holert, „Machen wir uns etwas vor. Zu vier Dimensionen der Kunst von Mirjam Thomann“, in: 2015 Mirjam Thomann, hg. von Eva Maria Stadler und Mirjam Thomann, Berlin (Sternberg Press) 2015.