Anita Leisz

20.10.–27.11.1999

Vielleicht hat alles mit Flucht zu tun; mit Flucht vor einer Realität, die ob ihrer Monströsität und Unüberschaubarkeit als Fiktion verstanden werden muss, um erträglich zu bleiben. Es schreckt dann nicht die blosse Fratze des Realen, sondern dessen Abbild. Die Vorstellung beruhigt, es nur mit den Abbildern einer gefrässigen und monströs wuchernden Ökonomie, einer lebensbedrohlichen und feindseligen Sozialpolitik zu tun zu haben. Dieses Unrecht kann ja nicht von dieser Welt sein. Alles nur Chimäre: Einbildungen und Befürchtungen, die den Alltag als bösen Tagtraum erscheinen lassen traumatisch. Dramaturgie vor diesem Hintergrund heisst dann nicht, eine fiktive Geschichte so zu gestalten, dass sie möglichst reale Eindrücke hinterlässt und dialektisch mit der Realität konkurrieren kann, sondern Dramaturgie bedeutet hier die wechselweise Identifikation des Realen mit dem Fiktiven und umgekehrt. War dieses metonym-ische Verhältnis zwischen Realität und Fiktion Thema des letzten Films von David Cronenberg (ExistenZ, 1999), so widmete sich Anita Leisz deren Gleichsetzbarkeit bereits in ihren "Sprechblasen-plakaten" (1995): an verschiedenen Orten im Stadtraum Wiens verteilt, erzählten sie primär von nichts (waren sie doch leer), ausser von der Tatsache, dass die Realität selbst als Trägerfigur für eine comic-hafte Wahrnehmbarkeit herhalten konnte. Eine affichierte, leere Sprechblase an einer Wand genügte, um den Eindruck einer Story entstehen zu lassen. Die PassantInnen liessen es sich nicht nehmen, diese Indikatoren von Geschichten mit ihrem je eigenen Inhalt auf- und auszufüllen. Was vorher wie ein Stück Alltagskultur ausgehen hat, erschien danach wie ein Motiv in einem realräumlichen Comic. Victor Hugos Idee vom Buch als Kathedrale und vice versa die urbanistische Rede von der Stadt als Text verbanden sich hier zur Textur, d.h. zu einem Gewebe aus Realität und Fiktion.