Architektur und Körper

20.11.2010–15.01.2011

23. November 2010 – 15. Januar 2011
Eröffnung: Samstag, 20. November 2010, 18 – 21 Uhr
Öffnungszeiten: Di – Sa 11 – 18 Uhr



Die Ausstellung Architektur und Körper setzt sich mit der Repräsentation physischer Gesten im Umfeld spezifischer räumlicher Szenarien auseinander. Sie verhandelt wie räumliche und zeitliche Verhältnisse mit Körpersprache und der ihr immanenten psychosozialen Auswirkungen gleichgesetzt werden können. Durch die Auswahl der Künstlerinnen und ihrer Arbeiten ergeben sich unterschiedliche historische und zeitliche Ebenen. Diese setzen sich mit einer modernistischen Formensprache auseinander und versuchen historische Bezüge in eine gegenwärtige Bildsprache zu übersetzen. Dadurch entstehen Verbindungen zu den Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts, die auf die Errungenschaften konkreter Protagonisten dieser Epoche in den Bereichen Malerei, Architektur, Design und Theater verweisen (Malewitsch/Hoffmann/Breuer/Schlemmer). Ein wesentlicher Faktor der Übersetzung dieser Thematik bezieht sich bei den gezeigten Künstlerinnen auf den „female gaze“ bzw. weiblichen Blick, der in Jacques Lacans Psychoanalyse1 stets als Reaktion auf den „male gaze“ verstanden wird bzw. als Ergänzung auf die Fehlstellen in diesem. Jene Fehlstellen werden von den Künstlerinnen durch die Präsenz des weiblichen Körpers konterkariert, der jedoch nicht als Ergänzung männlichen Ausdruckverhaltens gilt, sondern eine eigenständige Subjektposition konstituiert.
Wie Subjekte und Körper im Umfeld architektonischer Einflussnahme agieren, zeigen die Arbeiten in unterschiedlichen Herangehensweisen. Vom klassischen, jedoch verfremdeten Portrait in unter-schiedlichen Settings bis hin zu Detailaufnahmen und ihren architekturhistorischen Einschreibungen reichen die gezeigten Fotoserien, die alle einem unterschiedlichen Blickregime unterliegen und dadurch die Möglichkeiten des fotografischen Dispositivs ausloten. Allen gemein ist ein performativer Charakter, der an die Sprache von Film, Theater und Werbung angelehnt ist. Fotografische Gesten werden hier zu Bedeutungsträgern, wobei der Körper als Signifikant bzw. bezeichnendes Element dem architektonischen Signifikat bzw. festgeschriebenem Bedeutungselement Referenz erweist. Der Begriff des Signifikanten spielt bei Lacan eine tragende Rolle als Element des Symbolischen innerhalb der Psyche. Für ihn trägt eine Mischung aus Form und Idee zur Bildung eines inhalts- und bewusstseinsbildenden Signifikanten bei, der immer in einer syntagmatischen Beziehung steht, d.h. einer zusammenhängenden Kette aus einzelnen Bedeutungseinheiten. Hinsichtlich der fotografischen Arbeiten zeigt sich diese Bedeutungskette in der Serialität der Bilder und der sich daraus entwickelnden Narrationsstränge. Form und Idee bilden auch hier die zentralen visuellen Merkmale, die die gezeigten Subjekte und Subjektteile in einem inhaltlichen Kontext platzieren. Trotz der klaren historischen oder anlassbedingten Bezüge sind die Interpretationsmöglichkeiten der bildlichen Signifikanten jedoch vielfach, wodurch sich keine eindeutigen Signifkats- bzw. Identitätszuschreibungen einstellen. Architektur und Körper generieren in ihrer Symbiose eine Vielfalt an Bedeutungsmöglichkeiten, deren gegenseitige Bezugnahme einen zentralen Stellenwert der Betrachtung einnimmt.

Walter Seidl


Künstlerinnen und ihre Arbeiten

Katrina Daschner

Die Arbeiten von Katrina Daschner setzen sich mit performativen Aspekten des weiblichen Körpers auseinander, in denen die Künstlerin jene Dichotomie zwischen Fetisch und Begehren thematisiert. Da das ultimative Begehren im Lacanschen Sinne niemals eingelöst werden kann, da es stets mit unbelegten Fehlstellen konfrontiert wird, kompensieren Objekte jene Momente, die der physische Körper nicht auszufüllen vermag. Daschner setzt in ihren Arbeiten regelmäßig den eigenen Körper ein, der in Kombination mit unterschiedlichen phallischen Symbolen auf psychoanalytische Momente und verdrängte sexuelle Phantasien Bezug nimmt. Dabei ironisiert die Künstlerin Momente des Weiblichen als auch des Männlichen und referenziert auf unterschiedliche ethnische und kulturelle Rituale.


Maria Hahnenkamp

Die Arbeiten von Maria Hahenkamp setzen sich mit der architektonischen Sprache von Köpern und ihren kulturellen Einschreibungen auseinander. Die in der Ausstellung gezeigten Fotoarbeiten zeigen die beiden SchauspielerInnen Michael Mertens und Regina Fritsch, die die Künstlerin für die Portraitgalerie des Wiener Burgtheater fotografierte und im architektonischen Setting eines Bühnenambientes platzierte. Mertens schwebender Körper und verstohlener Blick verweist auf die Leichtigkeit, mit der Schauspieler ihre Körper auf der Bühne einsetzen, zeigt in gleicher Weise aber auch die Schüchternheit der Person in der öffentlichen Wahrnehmung. Fritsch hingegen posiert mit Theaterrequisiten, die an alltägliche Bühnensituationen angelehnt sind und die Person selbst in ihrer traditionell anmutenden Schauspielerinnengeste zeigen.


Šejla Kamerić

Als eines der brutalsten Völkermordverbrechen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg gilt das Massaker von Srebrenica, bei dem im Auftrag der serbischen Armee im Juli 1995 an die 8000 männliche Bosnier ermordet wurden. Ein Graffiti, das die Künstlerin an den Armeebaracken der niederländischen Soldaten aus jener Zeit gefunden hatte, diente als textuelle Referenz für ihre Arbeit Bosnian Girl. Die aussichtslose Lage der UN Soldaten, die sich der serbischen Armee gegenüber ohnmächtig sahen, zeigte sich in einem chauvinistisch bedingten Unmut gegenüber der lokalen Bevölkerung und in jenem misogynen Slogan, dessen sich die Künstlerin als Brandmark für die Thematisierung ihrer Position als Frau und Bosnierin bedient. Der freiheitsraubende Aspekt historischer Bezüge sowie die vermeintlichen Liberalisierungstendenzen globaler Verhältnisse werden in der Arbeit Frei thematisiert, die die Künstlerin als öffentliche Intervention für den club transmediale in Berlin im Jahr 2004 durchführte.


Ursula Mayer

Ursula Mayer erprobt in ihren Foto- und Filmarbeiten die Wechselwirkung zwischen modernistischer Architektur und der in ihr stattfindenden Performativität weiblicher Körper und Subjekte. Historische Bezugnahmen setzt Mayer auch in den gezeigten Fotoarbeiten ein, die eine Bauhausstudentin mit einer
Maske von Oswald Schlemmer in einem Marcel Breuer Stuhl zeigt. Hier verweist die Künstlerin auf Requisiten einer Theaterproduktion, die das Bauhaus als allumfassende Design- und Architektur-werkstätte hervorbrachte und speziell die Bühnenarbeiten Schlemmers in den Mittelpunkt rückt. Die Inkludierung weiblicher Studentinnen und Künstlerinnen in die Arbeit und Lehre des Bauhaus dient hier als Beispiel einer seltenen Offenheit gegenüber Frauen in der Zwischenkriegszeit.


Dorit Margreiter

Die Fotoserie Pavilion von Dorit Margreiter bezieht sich auf jenes Setting im österreichischen Pavillon in Venedig, das als Kulisse ihrer Filmproduktion mit gleichnamigen Titel für die Biennale 2009 diente. Josef Hoffmanns modernistischer Bau aus dem Jahre 1934 zeigt sich in Margreiters Arbeit lediglich schemenhaft und lässt in extremen Close-Ups seine strukturelle Bauweise und Materialität erkennen. Weibliche Akteurinnen bereiten sich auf ihre Performance vor, die jedoch nur durch den Einsatz verschiedener Requisiten angedeutet wird. Margreiters Fotos dienen somit als Stills einer Filmproduktion, die selbst nur Hinweise aus einen möglichen Handlungsablauf gibt. Architektur und Körper treten hier in Interaktion, um auf die notwendigen Parameter eines performativen Aktes hinzuweisen.


Esther Stocker

Esther Stocker setzt sich in ihren Arbeiten mit spezifischen Strukturen modernistischer Formensprache auseinander. Die üblicherweise mit dem Medium Malerei arbeitende Künstlerin verweist in ihrer Fotoserie auf Kasimir Malewitschs schwarzes Quadrat, das als zentrale Arbeit des russischen Suprematismus gilt. Die Reduktion auf abstrakte geometrische Formen bezieht sich auf Prinzipien kognitiver Erkenntnis sowie geistiger Erhabenheit. Ähnlich wie Malewitsch unterschiedliche Fassungen des Quadrates malte, lotet Stocker die Möglichkeiten aus, wie Positiv- und Negativvariante dieses Quadrates als Malerische Geste auf den menschlichen Körper wirken. Die performative Komponente dieser Arbeit lässt einerseits die Hand als wesentliches Merkmal künstlerischer Tätigkeit erscheinen, nimmt dieser aber wiederum in die Abstraktion der Bildeben auf, die auch als malerisches Produkt gesehen werden kann.