Esther Stocker

23.01.–05.03.2008

Die auf Schwarz, Weiß und Grau sowie auf Gitterstrukturen basierenden Bilder, Wandmalereien und Rauminstallationen von Esther Stocker weisen Verschränkungen, Vernetzungen und Durchdringungen formaler und semantischer Art auf, für die nicht zuletzt das variabel eingesetzte Rastermotiv ein metaphorisches Grundmotiv bildet. In Anspielung auf klar strukturierte, geometrisierende Grundformen werden durch Brüche, Verschiebungen und Überlagerungen dynamische Irritationen geschaffen, die einer kritische Sicht starrer Ordnungs- und Wahrheitsgläubigkeit entspringen. Unter Bezugnahme auf die Tradition konstruktivistischer Kunst sowie auf filmische und digitale Bildtechniken, bricht Stocker eindimensionale Ordnungs-, Raum- und Malereivorstellungen auf und verweist auf die Rolle des Betrachters und seine Wahrnehmungsbedingungen. Angesichts ihrer raumhältigen Bilder und ihrer bildhaften Raumarbeiten werden Fläche und Raum, Klarheit und Komplexität, Genauigkeit und Offenheit nicht als Gegensätze, sondern als einander bedingende und definierende Phänomene erfahrbar.
Stockers konsequente Beschäftigung mit dem Raum, seiner physischen Konsistenz ebenso wie mit seiner ideologischen Bedeutung als sprachlicher und gesellschaftlicher Handlungsort, spiegelt sich in einer produktiven Skepsis, die aus unablässigen methodischen Annäherungsversuchen und der Einsicht in deren prinzipielle Unabschließbarkeit entspringt. Die mit Ordnungslust einhergehende Offenheit ihrer Arbeiten gründet also in einer gerade durch Genauigkeit erfahrenen Relativierung endgültiger und starrer Lösungen.
Systematisch in sich gebrochen ist mit den gemalten Bildern und bemalten Räumen auch das Medium und der Begriff der Malerei selbst. Indem die in den Bildern enthaltene Räumlichkeit und die in den Rauminstallationen erkennbaren bildhaften Komponenten eine eindeutige Unterscheidung von Bild- und Raummalerei erschweren, erschüttern sie auch ein vereinfachtes Verständnis von Malerei als begriffsloser künstlerischer Technik. Wenn Malerei ganz ohne Farbe auskommt und unterschiedliche Trägermedien wie Leinwände, Raumwände und Räume zu besetzen und zu strukturieren vermag, dann entpuppt sie sich als frei flottierendes System, dessen Bedeutung von seinen jeweiligen Orten mitbestimmt wird, ähnlich wie die jeweils konkrete Bedeutung von Begriffen immer auch vom damit Begriffenen abhängt.
Als buchstäblich erweiterter Malerei gelangt man in Stockers Rauminstallationen über die Beobachtung anderer, die wie man selbst dasselbe immer anders sehen, zur Selbstwahrnehmung als Akteur und Betrachter in einem. Wie in Bühnenräumen unterliegt man einer Inszenierung, in der sich nicht nur der Raum durch permanenten Perspektivenwechsel prozessual erschließt, sondern wo sich auch die eigene Identität als etwas Mehrdeutiges und Verschiebbares erweist.

Dr. Rainer Fuchs