Fritz Panzer

24.01.–03.03.2007

Zu den neuen Arbeiten von Fritz Panzer

Eine Wiederbegegnung mit dem künstlerischen Werk von Fritz Panzer bedeutete, nachdem man sich über Jahrzehnte aus den Augen verloren hatte, eine neue ungeahnte Überraschung, ja sogar eine wachsende Faszination über seine jüngste Entwicklung – und zugleich war aus dieser zeitlichen Distanz heraus zu erkennen, wie sehr doch alle diese scheinbar so unterschiedlichen Arbeiten über die Jahre hinweg von einer inneren Kontinuität, einer geistigen Linienführung durchzogen sind.
Die erste persönliche Wahrnehmung fiel noch in die Zeit seiner großen, mit fließender Farbe übermalten Zeichnungen auf Leinwand sowie der fast parallel dazu entstandenen Kartonplastiken. Kunsthistorisch wird hier gerne an Panzers Erfahrungen aus seinem USA-Aufenthalt angeknüpft (1966), doch weder Action Painting noch Pop Art umgreifen ganz die Intentionen, die sich in seinem Werk spiegeln.
Auffallendes Merkmal seiner Gemälde ist es, dass „hinter“ den Farbschleiern harte Zeichnungen von Gegenständen ihren Platz halten. Auf diese Weise haben wir es mit zwei eigenständigen Bildebenen zu tun: Der fließenden Farbe, welche die dreidimensionale Wahrnehmung der Objekte verunklärt und gleichzeitig starke emotionale Momente ins Spiel bringt, sowie andererseits die exakt definierte Gegenständlichkeit, welche sich ihren Gegenstands-Begriff durch den Farbschleier hindurch zu behaupten sucht. Erstmals wird angedeutet, dass die äußere Beschreibung eines Gegenstandes nicht gleichzusetzen ist mit der inneren Beschäftigung mit ihm: Strich- und Linienanordnungen übermitteln dem Betrachter konnotativ die gültigen Erkenntnismuster der Gegenstände, die aufgewässerte Farbe entzieht sich jedoch einer Lokalfarbigkeit und bekämpft geradezu die feste Ordnung der Dinge. Auch bei den Kartonplastiken geht es wesentlich um die Wahrnehmungsprozesse und Irritationen der Dingwelt: In ihren teilweise aufwendigen Installationen stehen Panzers Objekte hart und präzise definiert im Raum, doch jetzt verlieren die Dinge in umgekehrter Weise durch ihre völlige Atmosphärelosigkeit ihr emotionales Element – unsinnlich, banal und „platt“ in ihrer Erscheinungsweise sind sie ganz ihrer Funktion entkleidet – Illusionen oder Attrappen von Wirklichkeit, wie Klaus Hoffer sie bezeichnete.
Wie wenig es Panzer um die rechte künstlerische Widerspiegelung der Gegenstandwelt geht, zeigte in anderer Weise auch seine Aktion in Grazer Forum Stadtpark, als er im Jahre 1970 eine Art Blockhütte aus Kartonbalken aufbaute (eine Aktion, die damals von mir auch fotografisch begleitet werden konnte). Sprach das fertige Konstrukt jeglicher Haus- oder Hüttenbautechnik Hohn, so hatte Panzer den viel größeren Spaß daran, sich wie ein Bauhandwerker aufzuführen – vom Schnüren der Arbeitsschuhe über das Schleppen und abwägende Zusammensetzen der Balken bis hin zur üblichen Trinkpause. Es seien alles Reminiszenzen an Beuys’sche Aktionen gewesen, wie er mir später einmal versicherte.

Zu seiner dritten großen Werkgruppe gelangte Panzer, als ab 2002 die Drahtplastiken entstanden, welche eine Umsetzung seiner großformatigen filigranen Zeichnungen von Gegenständen und Innenraumdetails in die dritte Dimension bedeuteten. Panzers Arbeiten haben eine grundsätzlich andere Intention als die Drahtraumgebilde der Konstruktivisten oder etwa die spielerisch-fragilen Kunstgebilde eines Günter Haese. Ausgangspunkt ist der klar definierte Gegenstand – ein solcher sogar, der sich aufgrund seiner festen Konsistenz und seiner alltäglichen Erscheinungsform einer ästhetischen Verfeinerung und Auflösung extrem widersetzt. Panzer baut seine Objekte aus einem äußeren Drahtgerüst auf, welches die Umrisse seines Gegenstandes definiert, daneben auch wichtigere Details „einhängt“ und darüber hinaus schließlich - entsprechend dem dicken oder dünneren Auftrag eines Zeichenstiftes – einzelne Partien mit Wickeldraht zu kräftigeren „Strichführungen“ umwickelt. Eine Verankerung im Raum finden seine Gebilde nicht nur durch ihre notwendigen feinen (Decken-)Aufhängungen, sondern auch durch die oftmals frei, wirr und ungebunden im Raum hängenden Enden der Drähte.
Wie bei den früheren Arbeiten treten auch hier wieder die Versatzstücke aus dem eigenen Lebensumfeld sowie aus dem urbanen Alltag auf – die Küche, ein Koffer, Stühle, Heizkörper und Waschbecken, ein Kleintransporter oder zuletzt die Rolltreppe einer U-Bahnstation. Während erstere sich als abgeschlossene Gebilde in ihrer originalen Dimension vorstellen, bleiben die beiden letzteren nur fragmentarisch ausgeführt, bleiben konzentriert auf ihre charakteristischen Kopfansichten, denn Panzer möchte hier "nicht zuviel machen, damit es eine Zeichnung bleibt." Umso detailreicher aber entwickelt sich beispielsweise im Bodenstück der Rolltreppe ein Gewirr von Drähten, welches in jedem Augenblick für den sich bewegenden Betrachter seine Strukturen verändert, ihn dazu auffordert, sich sein Bild vom Gegenstand permanent neu aufzubauen. „Meine Drahtskulpturen wirken besser, wenn der ganze Raum mitspielt und sie nicht als Einzelobjekt an der Wand hängen, ein Heizkörper hängt allerdings auch nur an der Wand“, schrieb Fritz Panzer einmal. Gegenüber der reinen kunsttheoretischen Betrachtung möchte der Künstler eben niemals auch die besondere ästhetische Komponente seiner Arbeiten vermissen.
Es ist nicht wenig geschrieben worden über Fritz Panzers Auseinandersetzungen mit Raum- und Wirklichkeitsillusionen, über seine spezifische Rückführung der Gegenstandsdarstellung in der Fläche und über seine künstlerische Reaktion auf die Auflösung unserer Gegenstandsgewissheit im Zeitalter einer hypertrophen Konsumwarenwelt. Eine weitere phänomenologische Überlegung sei hier aber noch angefügt, welche die Frage nach unserer ursprünglichen Gegenstandswahrnehmung stellt. In allen Arbeiten Panzers wird deutlich, dass lediglich ein verabredetes Konstrukt aus Liniensystemen – sei es aus Bleistift, Kartonfalzung oder Draht - unsere Begriffe und Vorstellungen von der Dingwelt prägt, dass diese Begriffe jedoch relativ unabhängig existieren gegenüber ihrer augenblicklichen Materialisierung. Die aus wachsender Erfahrung gewonnene Fähigkeit, die Welt und ihre Dinge aus ihren optischen Umrissen zu erkennen und einzuordnen, verführt jedoch zu einer trügerischen Sicherheit. Was die Werbung oft zu manipulativen Zwecken verändern will, geriert dem Künstler aber zur neuen Aufgabe: Er vermag dem toten, neutralen Begriff wieder eine frei gewählte, emotionale Würdigung zurückgeben, kann ihm über die analytische Betrachtung hinaus auch wieder ein individuelles, ästhetisch-poetisches Leben einhauchen.
Im weitesten Sinne wiederholt Panzer hier die entwicklungsgeschichtlichen Wahrnehmungsprozesse der Kindheit bzw. der frühen Menschheit, in welchen der Mensch über die erste Gegenstandskommunikation in Form eines konditionierten Zeichensystems hinaus sich allmählich eine neue gefühlsbegründete und persönliche Dingwelt erschafft. Diese meint jedoch nicht eine provokante Materialumwandlung als Kunstoption wie bei Claes Oldenburg, sondern eine Umsetzung individueller Erlebnisse und Weltsichten in eine künstlerische Botschaft – vergleichbar eher den freien Farbempfindungen eines Franz Marc. Bei Fritz Panzer waren solche biographisch verarbeiteten Empfindungen trotz aller Kargheit der Objekte immer stark herauszulesen: sei es das fließende Blut bei den Wiener Aktionisten, die wohlgeordnete Scheinwelt der Warenauslagen aus dem Konsum-Laden seiner Mutter oder seien es vorgefundene Drahtrollen in einer Fabrik - nach den vielen Befunden steht auch für die Zukunft zu vermuten, dass Panzer als sensibler Künstler gegenüber neuen Metamorphosen immer wieder offen bleiben wird.
Eine spekulative Kunstfrage zum Abschluss: Müsste Fritz Panzer, wenn er z.B. beim Ausreisen in Schwechat zur üblichen Sicherheitskontrolle gebeten würde, auch seinen Drahtkoffer durch den Röntgenscanner schicken?