Get Concrete At Some Point - Falke Pisano, Jenni Tischer, Simone Schardt

25.01.–05.03.2011

25. Januar – 5. März 2011
Eröffnung: Samstag, 22. Januar 2011, 18 – 21 Uhr
Öffnungszeiten: Di – Sa 11 – 18 Uhr

Längst scheint der Objektivismus der geometrischen Konstruktion, des abstrakten Fragments, der konzeptuellen Informationsästhetik mit dem Subjektivismus der Stimmung, des Ausdrucks, des Affekts versöhnt. Doch welche und vor allem: wessen Subjektivität ist es, die in der materiellen Realität des Bildobjekts entsteht bzw. die diese hervorbringt? Ein idiosynkratisches Verhältnis zu Conceptual Art, dem Unbewussten strukturiert als Sprache und Selbst, eine 2008/09 entstandene Werkserie Simone Schardts, argumentiert mit Widerspruch, exponiert Subjektivität als Kreativ-Marketing, prekären Zustand, (anti-) ästhetische Widerstandsform – aber auch als Unbewusstes einer Sprache, die einst der Entsubjektivierung des Kunstwerks galt. In Schardts aus Kürzeln, Buchstaben, Satzzeichen, Vektoren, Ornamenten bestehenden Bleistiftzeichnungen und Collagen oszilliert solche Negation mit einer an psychoanalytische Darstellungen erinnernden Diagrammatik fiktiver Selbsts. Oh Subjectivity, again! (2010) stellt dieser Diagrammatik queer-feministische Figuren gegenüber – versucht also, die Ambivalenz des Subjektiven zu radikalisieren und auf ihren Status innerhalb (anti-)ästhetischer Bildpolitiken zu befragen. Auf grau bemalter Wand und in einer Vitrine präsentiert, ist es der Modus des Zeigens, der diese in Spannung zu jener objektivistisch-wissenschaftlicher Darstellungs- und Repräsentationsformen setzt.

Von einer Irritation vorausgesetzter Subjekt-Objekt-Verhältnisse zeugen auch die Arbeiten Falke Pisanos und Jenni Tischers. Im Fall Pisanos sind es die Grundprinzipien konstruktivistischer Bildobjekte und Raumskulpturen, die in Gestalt dekonstruktiv-performativer Sprechakte nachgebildet werden. Insofern dem materiellen Gegenstand somit die Eigenschaft sprachlicher Zeichen zukommt, erhält er seine Bedeutung erst durch seine Kommunikation in und mit den Medien, in die er ‚übersetzt’ wird. Bei Pisano geschieht dies in Form multiperspektivischer Montagen aus Figur und Sprache: So stellt sich Figure 1 (Context, Past, Present, Future), 2009 als eine a-synchrone Verräumlichung und Verzeitlichung von ‚view points’ dar. Die somit vollzogene Relativierung von subjektiven und objektiven Referenten lässt Pisanos Arbeiten als Elemente eines Systems von Bedeutungseinheiten lesen, die zwar radikal kontextueller Natur sind: Doch Kontext erscheint zugleich als das, was durch die Verknüpfung von visuellen und sprachlichen Modi des Aussagens und Bedeutens immer wieder neu hergestellt werden muss.

Jenni Tischers Beitrag besteht aus Aquarellen und einer mit grauem Stoff bespannten und behängten Rahmenskulptur: mit Bühnendesign ebenso wie mit Altarkonstruktionen assoziierbar, oszilliert diese zwischen abstrakter und narrativer Gestalt, die im Zusammenspiel mit den Aquarellen, aber auch mit den Arbeiten Schardts und Pisanos einen szenischen Raum suggeriert. Aus einem größeren und drei kleinere, in den Raum aufgefächerte Rahmen gebildet, fungiert die Skulptur als ‚Interface’, das Wände und Vitrinen in eine spatio-visuelle Struktur integriert. Es ist somit ein Prozess des Rahmens und Verdeckens, der konkrete, zwischen dreidimensionaler Physis und zweidimensionalem Layout changierende Formen buchstäblich beschreibt. Tischers Vorgehensweise erweist sich somit als multiples, auf Kino, Malerei und Poesie gleichermaßen rekurrierendes Montageprinzip, das den Konnex aus Aquarellzeichnungen und Rahmenskulptur gleichermaßen als funktionale Stellwand, begehbare Malerei, aufgeblätterte Zeitschrift, gefaltete Projektionsfläche sowie als solipsistisches Objekt rezipierbar macht.

Der Punkt des Konkreten, den Schardt, Pisano und Tischer mit ihrer gemeinsam entwickelten Ausstellung anvisieren, entfaltet sich als prozesshaftes Geschehen – als Gleichzeitigkeit von Analyse, Montage und situativ vermittelter (Objekt-)Produktion, die weder Anlass zur Annahme einer vollendeten, bloß faktischen Form noch einer ihr äußerlichen, fixierbaren Subjektivität gibt.

Text: Sabeth Buchmann


Falke Pisano, geboren 1978 in Amsterdam, lebt und arbeitet in Berlin.

Ausstellungen (Auswahl):
2010
“Public Speech”, Transmission Gallery, Glasgow. “(conditions of agency)”, Extra City, Antwerpen. “A Performance Project”, Kunsthaus Bregenz, Bregenz. “Rehabilitation”, Wiels Contemporary Art Centre, Brüssel. “Throwing Three Balls in the Air to Get a Straight Line”, Malmö Konsthall, Schweden.
2009
“Figures of Speech (Formation of a Crystal)”, Hollybush Gardens, London. “Organon on the Wave” (with Benoit Maire), Kunstverein, Graz, Austria. “For the blind man in the dark room looking for the black cat that isn’t there”, Contemporary Art Museum St. Louis, USA. “Making Worlds”, 53rd Venice Biennale. “Modernologies”, Macba, Barcelona.
2008
“Desert Solitaire” (with Benoît Maire), Hollybush Gardens, London. “Organon (and the audience perception)” (with BM), Croy-Nielsen, Berlin. “Objets et formes à la Maison”, Galerie Singuliere La Maison, Nice. Yokohama Triennale, Japan. “Word Event”, Kunsthalle Basel. Manifesta 7, Trentino, Italien. “Show Me, Don't Tell Me”, Brussels Biennale und Playground Festival, STUK, Leuven, Belgium.


Jenni Tischer, geboren 1979, lebt und arbeitet in Berlin.

Ausstellungen (Auswahl):
2010
„Search Build and Destroy”, Galerie Gabriele Senn, Wien.
2009
„Alle eure Farben“, Saprophyt, Raum zur Realisierung künstlerischer Projekte und Interventionen, Wien. „Projekt Projektion“, kuratiert von Matthias Michalka, Wien. „Empfindung, oder in der Nähe der Fehler liegen die Wirkungen“ kuratiert von Eva-Maria Stadler, Augarten Contemporary, Wien. „Klassengesellschaft“, Monat der Fotografie, Wien. „Phönix, Texas“, Galerie Patrick Ebensperger, Graz.
2008
„Gruppe Re“, Ve.sch Raum und Form für bildende Kunst, Wien. „Du Dialogue Sociale“ Motorenhalle Projektzentrum für zeitgenössische Kunst, Dresden. „Kaleidoscreen“ kuratiert von Diana Baldon, Demonstrationsraum, Wien. Mittwochsbar, mit Anna Witt, Wien. „Zusammen“ Motorenhalle, Projektzentrum für zeitgenössische Kunst, Dresden.


Simone Schardt, geboren 1971 in Spremberg, lebt und arbeitet in Zürich und Berlin.

Ausstellungen (Auswahl):
2010
“Chambres d’Echo”, Les Complices*, Zürich. “The Intern”, Open Space – Art Cologne, Köln. “Laokoon”, COCO, Wien. “Ein idiosynkratisches Verhältnis zu Conceptual Art, dem Unbewussten strukturiert als Sprache und Selbst”, Schau Ort – Elisabeth Kaufmann + Christiane Büntgen, Zürich. “Eye-ease Phantom Grids”, Skopia, Genève. “Zero Budget Biennial”, Pianissimo, Milano und Rokeby, London.
2009
“You can find me in the lexicon, in the lexicon”, Offpride und Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich. “Kinoapparatom presents: Corpus Callosum*”, Swisscom-Gebäude, Zürich. “Splendid Isolation”, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Berlin.
2008
“ANGSTRAUM”, Künstlerhäuser Worpswede. “drawings”, Fahnemann Projects, Berlin. “Double Exposures”, Galerie Christian Lethert, Köln.