Ugo Rondinone

25.04.–30.06.2012

In seiner „Naturalis historia“ erzählt Plinius der Ältere die Geschichte von Zeuxis, einem der ersten namentlich bekannten Maler: Er habe Trauben in einem Bild so naturgetreu nachgeahmt, dass Vögel diese auffressen wollten. Mit seiner Legende formulierte der römische Universalgelehrte einen Anspruch an die Kunst, den diese über Jahrhunderte einzulösen trachtete, jenen der Mimesis. Bereit in Pompeji finden sich die ersten Beispiele für jene Bildgattung, die diesen auf die Spitze treiben, das Trompe l’oeil; und eines der ersten Stillleben in der Kunstgeschichte, Jacopo de Barberis „Stillleben mit Rebhuhn und Eisenhandschuhen“ (1504) ist ebenfalls eine Illusionsmalerei.
Rondinone bezieht sich dezidiert auf dieses kunsthistorische Genre; der Hinweis darauf findet sich schon im Titel seiner losen Serie „still.lifes“. Der Schein trügt: Bei den sieben Birnen, den sechs Pinienzapfen sowie dem Gipskopf handelt es sich um Objekte, die aus Bronze und Blei gefertigt sind – und daher dementsprechend schwer. Die Serie umfasst zahlreiche andere Sujets, etwa eine vierteilige Assemblage aus Styroporteilen, die, ebenfalls aus Bronze und Blei, über 450 Kilo schwer ist; ebenso finden sich unter den „still.lifes“ andere Früchte – Walnüsse, Kartoffel, Zitronen, Orangen.
Die Objekte zeichnen sich durch ihre mentale Isolation aus. Diese entsteht dadurch, dass der Hohlraum – der bei einem Bronzeabguss entsteht – mit Blei aufgefüllt wurde. Das Motiv der Isolation und Einsamkeit zieht sich durch Rondinones Werk – am augenfälligsten vielleicht in seinen passiven Clowns; ebenso lässt es sich in seinen verlassenen Landschaften, die seit den frühen 1990er-Jahre entstehen, beobachten. Die Isolation ist dabei nicht negativ besetzt, sondern ist metaphorisch auch als Rückzug des Künstlers vor der Gesellschaft samt ihren Zwängen zu lesen.
Ephemere Gegenstände – also das klassische Inventar der an die Vergänglichkeit gemahnenden Stillleben – werden in einem Material imitiert, das aus der langen Geschichte seiner künstlerischen Verwendung heraus für deren Gegenteil, nämlich das Ewige, steht. „Im Sinne von Ovid gilt für Kunstschaffende allgemein, dass sie auf den Schultern der Ahnen stehen, dass heutiges Kunstschaffen auf dem aufbaut, was schon da ist und dadurch in jedem Werk alles Bisherige in der einen oder anderen Weise enthalten ist. Ugo Rondinone vertritt den Anspruch, dass jedes neue Werk die ganze Geschichte beinhalten muss; ausgehend von dieser Voraussetzung kann dann dem bereits Bestehenden etwas Neues hinzugefügt werden“, schreibt Madeleine Schuppli über Rondinones Werk.1 Tatsächlich erweist sich nämlich die Augentäuschung als eben nur vordergründige: Das exakte, nahezu mathematische Arrangement der Objekte widerspricht deren illusorischen Charakter – niemals wären Pinienzapfen in der Natur in einer Dreiecksform, Birnen in einer Gerade angeordnet. Rondinone führt damit nicht nur Dichotomien zwischen Ephemerem und Ewigem, sondern auch zwischen Natur und Konstruktion ad absurdum.

Text: Nina Schedlmayr