Jiří Kovanda

25.11.2009–16.01.2010

Collage als performative Strategie in den Arbeiten von Jiří Kovanda


Der tschechische Künstler Jiří Kovanda gehört zu einer mittleren Generation von KünstlerInnen, die seit den 1970er Jahren eine performative Praxis in sämtlichen Werkgruppen aufweisen und diese in unterschiedlichen Medien transportieren. Sei es in den Aktionen, die Kovanda im öffentlichen Raum von Prag durchführte, den Holzfundstücken, die er zu neuen Objekten transformiert, oder den Collagen, die einen dynamischen Prozess in ihrer Gestaltung erkennen lassen. Seit Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit beschäftigt sich Kovanda parallel mit unterschiedlichen Materialien und Techniken, wobei sein umfangreiches Oeuvre an Collagen aus über dreißig Jahren als eigenständiger Werkzyklus angesehen werden kann.

Auf unterschiedlich farbigen Blättern, teilweise auch mit Notenzeilen versehen, werden Versatzstücke aus Zeitungen und Zeitschriften montiert, die vom Chronik-, Anzeigen- oder Playmateteil stammen und verschiedene Bedeutungszusammenhänge generieren. Oft spielt Kovanda mit Körperteilen, die freigelegt oder verdeckt werden und als quadratische Elemente in Anlehnung an Kasimir Malewitschs ikonografische Bildsymbolik in Erscheinung treten. Eine der minimalistischsten Collagen aus dieser Serie zeigt ein kleines schwarzes Quadrat auf grauem Blatthintergrund, der im unteren Teil mit dem Text „Hitlerův knír“ – Hitlers Schnurrbart – versehen ist. Ein anderes Mal ist ein schwarz glitzerndes Quadrat freigestellt und mit lila Umrahmung auf einer dunklen Seite zu sehen, jedoch ganz ohne textuelle Referenz. Eine weitere Collage wiederum zeigt eine teilweise verdeckte Calvin Klein Werbung mit Bruce Webers legendärem Foto für das Herrenparfum Obsession, bei der lediglich ein Quadrat den linken Trizeps eines Mannes, der eine Frau über der rechten Schulter trägt, freilegt. In zahlreichen Buchcover-ähnlichen Collagen zu Moby Dick (Bílá Velryba – Der weiße Wal) tritt das Quadrat ebenso in unterschiedlichen Formationen auf und verweist, teilweise dekonstruiert und verändert, auf die unterschiedlichen perspektivischen Darstellungsmodi, die auch bei Malewitsch in diversen Abwandlungen zu sehen sind.

Einen eigenen Teil widmet Kovanda einer Reihe von Playmate Fotos, bei denen Gesichtsfeld und Genitalien jeweils mit farbigen Zensurbalken versehen sind. In einigen filmischen Darstellungen wiederum ragt lediglich ein vertikaler Balken in die Bildmitte, der die Begegnung zwischen Mann und Frau zu unterbrechen scheint. Ironische Kommentare wie „Pornografie ist unschädlich“ (Pornografie je neškodná) ergänzen harmlose Kussszenen, während Kovanda in einer Jeanswerbung für Frauen im Vaginalbereich ein gemustertes Papier in der Form eines Trapezes einfügt (und damit Referenz auf VALIE EXPORTs Arbeit Aktionshose: Genitalpanik von 1969 erweist). Eine weitere Arbeit zeigt in einem Quadrat vor Tapetenmusterhintergrund Bleistiftschraffuren, die auch als abstrahierte Schamhaardarstellung gedeutet werden könnten.

Kovandas Spiel mit dem Sichtbaren und dem Verdeckten, mit Ausschnitten und Textfragmenten vermengt allseits bekannte Bildsymboliken werbeästhetischer Natur mit politischen Themen, etwa einer muslimischen Frau, die dem Waffenstillstand in Beirut betend dankt. Er reflektiert somit in gekonnt ironischer Weise Darstellungsformen der Frau, deren mediales Bild er mit Montageformen und –techniken manipuliert. Der Verweis auf unterschiedliche Bildpolitiken manifestiert sich bei Kovanda vor allem in Leerstellen und jenem thematisch aufgeladenen Dazwischen, das sich aus Bild, Papiermustern und Textzeilen erschließt.

Text: Walter Seidl