Šejla Kamerić

27.01.–13.03.2010

Die Arbeiten der bosnischen Künstlerin Šejla Kamerić setzen sich mit Geschichte und Tradition ihres Landes auseinander, in dem die Spuren der Balkankriege und das Srebrenica Massakers von 1995 weiterhin im Gedächtnis der BewohnerInnen verankert sind. Kamerić’ zentrale Arbeit Bosnian Girl von 2003 gilt als eine der wichtigsten Arbeiten, die Anfang des dritten Millenniums zur post-Kriegssituation in Osteuropa entstanden ist. Ästhetik und Geschichte werden in einer Weise miteinander verbunden, die eine Dichotomie zwischen medialer Bildmanipulation (der Kriegsberichterstattung) und tatsächlichen Geschehnissen bzw. Erlebnissen der BewohnerInnen erkennen lässt. Das Selbstbildnis der Künstlerin montiert mit Beschimpfungen niederländischer Soldaten zeigt jene Verfälschung der Geschichte, die eine Reihe von medialen Fragestellungen offen lässt.
Das Ausloten jener Grenze zwischen ästhetischer Relevanz und inhaltlicher Kohärenz gehört zu jenem Ansatz, der auch in Kamerić aktuellen und in der Galerie Krobath zum ersten Mal gezeigten Arbeiten zu sehen ist. Dieses Mal setzt sich die Künstlerin mit klassischer Handarbeit auseinander, im Speziellen gehäkeltes Tischdekor oder was zumindest als solches gehandelt werden könnte. Kamerić verweist dadurch auf jene Tradition, die vor allem als weibliche Kulturtechnik gilt, lässt jedoch wiederum eindeutig Spuren männlicher Dominanz und Bedrohung aufkommen. Dadurch versucht sie auch in dieser Arbeit genderspezifische Sichtweisen herauszuarbeiten, die durch die bewusst gewählte Ästhetik der Arbeiten spürbar wird.
Die in der Galerie Krobath gezeigten Arbeiten lassen sich in zwei Werkkategorien einteilen. Zum einen zeigt Kamerić großformatige runde Häkelarbeiten, die am Boden oder an der Wand angebracht werden können. Vorwiegend in schwarz erinnern diese Teile durch leichte Häkelfehler und ein Ausfransen an den Rändern an Spinnennetze, die Bedrohlichkeit hervorrufen und dadurch von der Schönheit traditioneller Handarbeit ablenken. Bezogen auf militärische Versatzstücke lassen sich auch Assoziationen zu Fadenkreuz oder Zielscheibe herstellen, die jedoch in diesem speziellen Fall durch das weiche Material der Wolle bzw. des Fadens ironisiert werden.
Während die kreisförmigen Werke speziell angefertigt wurden, bezieht sich die zweite Werkgruppe auf bereits vorgefundene rechteckige weiße Häkelarbeiten, in die in schwarz Graffiti-ähnliche Elemente eingearbeitet wurden. Dadurch werden diese normalerweise auf Tischen oder Kommoden zu findenden Zierelemente ebenso aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen und zu Artefakten, die traditionelle Handarbeit auf einer künstlerischen Ebene verhandeln. Kamerić knüpft dadurch auch an ihre Arbeit Bosnian Girl an, in der sie ebenso gefundenes Graffiti der Soldaten verwendete und eine künstlerische Kontextverschiebung vornahm. Mit ihrer aktuellen Arbeit bricht sie erneut die Codes kulturell tradierter Geschlechterzuschreibungen und stellt die Frage nach genderspezifischen Tätigkeiten in einem erweiterten Feld der Bild- und Materialproduktion.

Text: Walter Seidl