Ugo Rondinone

27.06.–31.08.2002

„Heaven is a place where nothing ever happens" (Talking Heads)
Ugo Rondinones eigens für den Galerieraum von Krobath Wimmer konzipierte Installation mit dem Titel „The Dancer and the Dance" bedeutet auch die erstmalige Verwendung eines neuen plastischen Vokabulars durch den Künstler. Formal teilt sich die Arbeit dabei im wesentlichen in drei Elemente, die in verschiedenen Varianten auch die Basis von Rondinones bisherigem Werk kennzeichnen: das skulpturale Moment, Sound und eine dritte, von Rondinone „emotionales Element" bezeichnete Figur. Diese drei Komponenten werden als Variablen in immer wieder unterschiedlichen Zusammenhängen variiert, neu gesampelt, erweitert und ergänzt und bilden so die Matrix für strukturell einfache, aber im Erfahrungsvolumen komplexe „Erlebnisräume".
Das skulpturale Gerüst von „The Dancer and the Dance" wird gebildet aus 16 Holz-Klangkörpern, die mit gebürstetem Stahlfurnier in den Massen 27 cm mal 27 cm mal 270 cm ummantelt wurden. Diese Klangkörper erinnern in ihrer Formation an die klassische, serielle Reihungsweise minimalistischer Plastiken. Als Tonspur registriert man verfremdete Atemgeräusche und im Hintergrund die Klänge eines Dingeridoos. Die „emotionale" oder narrative Ebene wird von einer kleinen halb-mensch-halb-tierähnlichen Comicfigur bestritten, die von Hand auf die Klangkörper gezeichnet wurde und durch keinerlei Attribute näher bestimmt ist. Sie durchläuft lediglich eine Art szenischen Parcours, den Ablauf eines banalen Tages: sie steht auf, schaut sich in den Spiegel, wäscht sich, geht auf die Straße, usf. Ergänzend zur Installation werden „Fensterskulpturen" eingesetzt: es handelt sich hierbei um die ersten drei Stücke einer neuen Serie von Acrylglas-Objekten, die durch ihre exakte Anzahl und durch die einzelnen Wörter des Satzes „All moments stop here and together we become every memory that has ever been" definiert ist.
Mit diesem modulartigen Gerüst kreiert Ugo Rondinone so etwas wie einen räumlichen Loop, der als „Aufhebung aller Grenzen" erfahrbar wird. „The Dancer and the Dance" handelt von der entgrenzten Alltagsbanalität, die sich im Turnus der ewigen Wiederholungsmomente ins Unendliche fortsetzt. Die Installation bietet aber, ebensowenig wie alle anderen Raumskulpturen Rondinones, keine aufgelegten Identifizierungsstrategien für den/die Rezipientin an. Das Erfahrungsspektrum oszilliert vielmehr zwischen abwehrender Distanznahme und angestrengter Aufmerksamkeit für die akustischen und visuellen Abläufe. Die Stimmungen bleiben so immer im Gleichgewicht; sie heben sich scheinbar auf, bis „alle Momente zur Ruhe gekommen sind". Nicht nur, dass die zentrale Comicfigur (ebenso wie in anderen Arbeiten Rondinones die Clowns) keine primären Geschlechtsmerkmale aufweist, und daher in einem von gesellschaftlichen Kodierungen unbestimmten System agiert, scheint dieses System auch durch sein labiles Gleichgewicht letztlich von einer ständigen Selbstauflösung bedroht. So entwickeln sich die verschiedenen Elemente zu offenkundigen Anti-Bedeutungsträgern, bzw. expliziten No-Logos (wie die neuen Fensterskulpturen) und entfalten als Sehnsuchtsmetaphern eine deutliche Suggestivkraft, der man sich nur schwer entziehen kann.
Auf der Rückseite einer Wand, die als Eingang zu einer früheren Installation Rondinones dient („Still Smoking", Part V), ist ein kurzer Bildtext angebracht: „… ich warte darauf, dass mein Kopf völlig leer wird. Wie ein Raum, den noch nie jemand betreten hat, ein Zimmer ohne Türen oder Fenster. Ein Ort, an dem nichts geschieht."
Patricia Grzonka