Isabell Heimerdinger

28.04.–26.05.2007

Von der Flüchtigkeit des S(ch)eins
Nichts als ein zarter Atemhauch auf einem Spiegel. Und doch: Dieses nur scheinbar unscheinbare Lebenszeichen beharrt trotz seiner vermeintlichen Flüchtigkeit auf seine untrügliche Existenz, verschwindet eben nicht, wie im „wirklichen“ Leben eigentlich üblich, nach einer allzu kurzen Zeit auf der durchsichtigen Oberfläche des Glases. Des kleinen Wunders Lösung: Es handelt sich hier um künstlichen Atem, um ein in der Filmbranche angewandtes Effektspray, dass die Spur des menschlichen Odems auf Glas überzeugend nachzuahmen vermag (1). Diese Dialektik von Ephemeren und Dauerhaftem, von Künstlichkeit und „Echtheit“, somit von Schein und Sein durchzieht die zweite Einzelausstellung von Isabell Heimerdinger in der Wiener Galerie Krobath Wimmer wie ein immaterieller roter Faden. „Reale“ Wirklichkeit und deren Simulation verlieren dabei ihre Gegensätzlichkeit, durchdringen sich im Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit. Genau dies ist nicht nur, schon Theodor W. Adorno betonte es in seiner „Ästhetik“, Thema der Kunst, sondern auch Problem des Lebens. „Realität“ und deren Transformation erscheinen hier wie da letztlich als enttäuschend lapidar und dennoch im selben Moment auch als ein wenig rätselhaft, genauso halt wie ein beiläufig mitgehörtes Handygespräch ....
Wenn frau das Gesicht verliert, das „slick little girl“ (Lou Reed) (2) sich also endlich abschminkt, der schöne Schein dabei langsam weicht und das nackte Leben in den unbestechlichen Spiegel schaut, auch dann blinkt Vergängliches auf, ein wenig schüchtern, verletzlich, aber unausweichlich, das Leben schließlich behält sein ernüchterndes Recht. (3) Und besagtes Telefongespräch und sein nur halb, nur einseitig mitzuhörender Dialog wird da ein wenig dringlicher. Und später, nach diesem mehr oder weniger glorreichem Leben, wenn der letzte Atemzug getätigt ist? Den erhofften Glanz herüberretten auf die andere Seite? Oder wenigstens „Vanitas“ ins rechte Licht setzen? Als gleißendes Neonlicht jedenfalls leuchten die Überschriften von Nachrufen im Raum. Die Essenz von Leben und Arbeit ausgewählter Filmschaffender wird so beschworen, zu spät aber umso prägnanter: „Schwarzer Engel“ oder „Stimme im Wind“ erstrahlt da z. B. überaus mediengerecht. (4) Und auch das Gespräch am Handy hat inzwischen sein unspektakuläres Ende gefunden (5).

Raimar Stange, Berlin im April 2007

(1) Breath on Mirror, FX Spray auf Spiegel, 2007
(2) Aus seinem Song „Make Up“, 1972
(3) „Make up Wind“, Videoprojektion, 2007
(4) „Stimme im Wind“ (Francis Lederer), „Das verdammte Licht am Ende des Tunnels“
(Robert Altman), „Schwarzer Engel“ (Pierre Clementi), 2007
(5) Performance, 2007