Dorit Margreiter

29.11.2002–25.01.2003

EVENT HORIZON

Die Fotoarbeiten, Videos und Installationen von Dorit Margreiter haben im Verlauf der letzten Jahre einen wesentlichen Beitrag zu der Diskussion geleistet, wo und wie Subjekten ein Raum der Artikulation eingeräumt wird. In komplexen Kompositionen, die sich in einer Sprache der Konzeptualisierung von Materialien und architektonischen Formaten verorten, formuliert sie Erzählungen aktueller theoretischer und gesellschaftspolitischer Anliegen, die über kunstimmanente Fragestellungen hinausgehen. Ausgangspunkt ist hierbei die Beobachtung der Bedingungen von Sichtbarkeiten oder – anders ausgedrückt – der Spielregeln, die der sozialen Wirksamkeit von Bild, Sprache, Raum... zugrunde liegen. Diese führt weniger zu einer Analyse als vielmehr zu der, einer politischen Praxis entspringenden Fragestellung, wie sich diese Regeln neu verhandeln lassen, wo es Möglichkeiten gibt, die Prozesse, in denen und durch die Identifikationen gebildet werden, zu verschieben. Da die Verhandlung sozialer Wirklichkeiten wesentlich durch audiovisuelle Technologien stattfindet, nehmen diese nicht nur eine zentrale Rolle in den Arbeiten von Dorit Margreiter ein, sondern die Künstlerin fordert in der Rezeption unsere mediale Kompetenz heraus, gegenüber der erzeugten Aufmerksamkeit aufmerksam zu sein.

Diese Ausgangskoordinaten einer künstlerischen Praxis formuliert Dorit Margreiter gleich einem Prolog im Titel "Event Horizon" zur aktuellen Ausstellung in der Galerie Krobath Wimmer.
Während beide Begriffe gegenwärtigen Diskursen der Cultural Studies entspringen, verweisen sie zugleich auf die Fluchtlinien und Angelpunkte der gezeigten Arbeiten: "Erlebnis" und "Raum", ihr gegenseitiges Wechselspiel sowie ihre Relevanz in der Gestaltung und Erfahrung von Öffentlichkeit und Subjektivität.
In der Ausstellung verlagert Dorit Margreiter dieses Themenfeld in eine methodische Diskussion des Ineinandergreifens historischer und aktueller Raummodelle, sowie jener Formen einer "Erlebnisqualität", die diese erzeugen können. Konkrete Referenzpunkte sind dabei einerseits die stattfindende Verschränkung von Ausstellungs-, Erlebnis- und Stadtarchitektur und andererseits die Visionen der KonstruktivistInnen der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts (wie z.B. von El Lissitzky) sowie deren Intention, Raummodelle zu dynamisieren und das Bildfeld auf den Umraum auszudehnen.

Als ein Beispiel für die Überlagerung von Ausstellungs- und Erlebnisarchitektur rekonstruiert Dorit Margreiter die zentrale Ausstellungswand des neu erbauten Guggenheim Museums "The Venetian" in Las Vegas, ein Entwurf von Rem Koolhaas. Die drehbare Wand, deren Oberfläche in einzelne Felder untergliedert ist, auf die die Werke wie Magnete "appliziert" werden können, parallelisiert Ideen einer Raum-Zeit-Architektur mit technologischer Innovation und Aspekten einer Event-Kultur.

Der Nachbau in der Galerie hingegen ruft zwar Film- und TV-Architekturen in Erinnerung und ist in seiner horizontalen Ausrichtung wesentlicher Bestandteil der Ausstellungskomposition, die Konzeption als Arbeitsmodell dekontextualisiert aber diese Erfahrungsebenen. Auf diese Weise erreicht Dorit Margreiter eine Distanz, die bewirkt, dass die formalen Elemente, Illusionierung („Event“) und Blickkonstruktion („Horizon“), sich zum Thema verdichten.

Neben der Wand laufen auf einem Monitor zwei Videos. Das erste zeigt jene zentralen Szenen aus Baseball-Filmen kurz vor dem finalen Schlag, in denen eine gesteigerte Aufmerksamkeit durch die Ausdehnung des Bildraums über das ganze Spielfeld erzeugt wird und gleichzeitig die Kameraführung, eine maximale Identifizierung mit einem/einer einzelnen Protagonisten/in anstrebt. Das zweite verlagert das „Spielfeld“ der Inszenierung in den Bereich der Städtearchitektur. Die Dokumentation "Remake Las Vegas", die gemeinsam mit Anette Baldauf entstand, erzählt in einer Reihe von Interviews am Beispiel "Las Vegas" und "The Venetian", wie in öffentlichen Räumen Kultur(-zitate, wie im Beispiel von „The Venetian“ der Nachbau Venedigs) eingesetzt werden, um über die Ausblendung des Umraums die „Erlebnisqualität“ für die BesucherInnen zu erhöhen.

Parallel stellt Dorit Margreiter noch zwei weitere Modelle zur Diskussion, wie sich die Begriffe „Event“ und „Horizont“ methodisch besprechen lassen. Die Raummodelle #1 und #2 kombinieren reduzierte, gezeichnete Raumskizzen mit den Farben von Martha Stewart, die die Inneneinrichtung amerikanischer Haushalte mit einer Farbpalette bestückt. Während die Fotografie mit dem Titel „Zwei oder drei Dinge, die Ihr von mir wißt“ ein (Spielzeug) Pferd in einem ansonsten leeren architektonischen Modell zeigt.

Rike Frank