Naturbegriffe, Blicke

30.01.–19.03.2002

„Die Natur liebt es, sich zu verbergen." Heraklit
Zugleich gilt, dass "die Naturdinge sich ekstatisch zeigen". Aber die programmatische Formel Alexander v. Humboldts "Ein Buch von der Natur muss den Eindruck wie die Natur selbst hervorbringen" (1834) wirkt unverständlich in ihrem umfassenden Anspruch ebenso wie die Begeisterung der Romantiker, in der Landschaft die ganze Seele abbilden zu können. Von der sich spezifizierenden Moderne als Bild verworfen, konnte Natur seither nur noch Modelle für Erkenntnisforrnen der Wissenschaft bereitstellen. Doch bleibt trotz ihrer Abschaffung als verbindlicher Anfangs- und Endpunkt unserer Biografien - diese geschichtlich gewordene Opposition - "die Natur" das ganz Andere (unserer Selbst). Erfahrbar in der subjektivierenden Wirkung des Blicks, dem zirkulären Medium. Nachvollziehbar dann für den Betrachter, der in dieser Ausstellung sechs verschiedene Positionen der individuellen Verfangenheit in Naturdinge vorfindet.
In den Landschaftsfotografien von Martin Eiter öffnet das rein fotografische Moment der Aufnahmezeit die kristalline Zeitstruktur unserer Wahrnehmung. Uninszeniert, "im Gehen'" aufgenommen, zeigen diese Fotos die ständige Veränderung und Vermischung aller Zustände und Bilder, eine allgemeine Bewegtheit und die nicht chronologische Verdichtung unserer Erinnerung. Doch die Bewegung der Bäume löst sich vom Sturm, die Empfindung der Zeit vom Subjekt.
Der Leib ist die Natur, die wir sind. Ein Flechtwerk von dynamischen Kräften bindet ihn in die Welt. Otto Zitko setzt eine Form von gestischer Energie in der Produktion von malerischen Tableaus um, es finden sich florale, organische Formen aus Linien. Was aber zählt, sind Anziehung und Abstoßung, das Dazwischen und die Komplexität eines jeden aktualen Zustands. Katz und Maus, Todesarten.
Ingeborg Strobl untersucht Strukturen, indem sie diese herstellt, indem sie sie zulässt. Versuchsanordnung im freundlichen Dressurspiel mit Ameisen, ohne anthropologische Beweislast. Ameisen sind Ameisen, Kühe sind Kühe, was wir ihnen antun, ist etwas anderes. Alles ist mit allem verknüpft, aber eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.
Das betrachtende Subjekt ist ein anderes als das sehende, seine Verstrickung ist grundsätzlich, kein "reines" Sehen. Landschaften, Bilder, Bilder von Landschaften sind für Herbert Brandl eine Übersetzung von Sinneseindrücken in die Mittel der Malerei. Eine Ähnlichkeit mit unähnlichen Mitteln, die durch viele abstrakte Natur- und Landschaftsbilder hindurch die Möglichkeit der Figuration, der Horizonte jenseits des Klischees erfasst.
"Natura morte" für Franz Graf eine Anverwandlung durch Identifikation, Verdichtung der Zeit und obsessives Wiedererlangen. Er lässt den Blick schweifen; chaotisch ungeordnetes Blattwerk gerinnt zu Ornament und Struktur. Manchmal werden die Positionen von Material und Betrachter melancholisch vertauscht, etwas wie „natürlich werden".
Julian Opie lobt die Schönheit der Natur. Er sagt, dass sie funktional sei und gibt uns ihr Zeichen. Von den ortlos gewordenen Landschaften in einer perspektivisch vermessenen Welt bleibt als Symbol "Baum". Daniela Hölzl