Dorit Margreiter

30.04.–25.06.2011

(Auszug aus dem Katalog zu Dorit Margreiters Einzelausstellung „Description“ im Museo Reina Sofia, Madrid, 2011)


Debatten über den Erhalt spät-modernistischer Architektur geben Dorit Margreiter Anlass, sich mit umfassenderen Themen, die unsere heutige sozikulturelle Realität bestimmen, auseinanderzusetzen: das Vermächtnis der Moderne, die Art und Weise wie Mediendarstellungen der bebauten Umwelt unsere kollektive Vorstellungskraft bestimmen sowie die Konsequenzen der Betrachtung der Architektur als Teil einer Kultur des Spektakels.

Der Ursprung von zentrum geht auf ein riesiges Neonschild zurück, das auf eines der 1963 in Leipzig errichteten Gebäude in der Wohnbausiedlung Brühlzentrum angebracht war. Als Dorit Margreiter 2004 mit einem Blinky-Palermo-Stipendium dorthin kam, standen die verlassenen Gebäude des Brühlzentrums kurz vor dem Abriss. Margreiter war damit beauftragt, eine neue Arbeit für die Ausstellung in der städtischen Galerie für zeitgenössische Kunst zu schaffen. Sie war sofort von diesem Gebäudekomplex fasziniert, der aus Sozialwohnungen, einem Theater, einem Restaurant und einem Kindergarten bestand und eine Art Kleinstadt im Stadtzentrum bildete. Auch wenn sie die Architektur an sich eher mittelmäßig fand, war sie doch von der Artikulation der sozialen Funktion und nicht zuletzt auch vom Schriftzug beeindruckt. Margreiter, die gelegentlich auch als Grafik-Designerin tätig ist, hatte bereits von den vielgerühmten Neonschriftzügen der Stadt und ihrer langen Tradition der Typographie und Druckkunst gehört.

Obwohl das Design von Margreiters wunderschön proportionierten Kleinbuchstaben stilistisch einem in den 1960er Jahren in Leipzig produzierten Schild nachempfunden ist, hat es seine Wurzeln in der revolutionären Bewegung der Neuen Typographie der 1920er Jahre. Damals forderten innovative Topographen wie die Bauhaus-Schüler Josef Albers und Hannes Bayer oder der herausragende Grafikdesigner und Theoretiker Jan Tschichold eine neue typographische Gestaltung, der Klarheit, formale Schlichtheit, Sparsamkeit und Funktionalität zu Grunde lagen.

Die Elemente in Margreiters Mobiles, die Buchstaben darstellen, sind maßstabsgetreue Nachbildungen der inzwischen verloren gegangenen, ursprünglich am Brühlzentrum angebrachten Originale. Diese Elemente hängen von Querträgern aus poliertem Aluminium und schweben selten so, dass sie die Form eines Buchstaben bilden: die Skulpturen schwanken also zwischen Wort und Bild, Information und Abstraktion. Sie verweisen sowohl auf das volkstümlich Traditionelle als auch auf die Tradition der schönen Künste (Kinderspielzeug, Designobjekte und moderne Skulpturen), man kann sie aber am besten anhand der Meisterwerke des Genres erklären: Alexander Calders verspielte Fantasien. In Calders Mobiles sind zarte Elemente asymmetrisch und frei schwebend montiert, so dass sich ihre handbemalten Bögen wie die Zweige einer Trauerweide überkreuzen. Wenn eine Gegenkraft erforderlich ist, wird einfach ein Element hinzugefügt, das eine verspielte Bewegung nach oben macht, wie ein Zweig, der sich in den Himmel streckt. Obwohl sie sich durch einige geschickt gesetzte Verschiebungen der Schwerkraft zu widersetzen scheinen, wirkt ihre Bewegung völlig „natürlich“. Ihre Form wiederum kann jedoch am besten als abstrakt beschrieben werden, vor allem, weil Calder seine Palette auf ein paar erfrischend lebendige Farbtöne beschränkt hat. Diese handgemachten, unregelmäßigen und flachen Elemente scheinen irgendwie provisorisch befestigt zu sein, als ob die ganze Konstruktion beiläufig und schnell zusammengestellt worden wäre. Wie man sie auch immer beschreibt, sie sind fraglos dem Organischen zuzuschreiben, wohingegen Margreiters Mobiles eher dem Architektonischen verhaftet bleiben. In ihren Arbeiten setzt sie Exaktheit und Präzision ein, um klare Strukturen zu schaffen, die aus standardisierten Formelementen bestehen: Die Zugfestigkeit der tragenden Kabel, die von maßgefertigten, maschinell hergestellten Halterungen getragen werden, ist klar und eindeutig; der Ausgleich von Gewicht und Gegengewicht scheint logisch und rational justiert zu sein.

Eine Serie von eingerahmten Inseraten, die unter dem Titel Original Condition zusammengefasst sind, setzt sich ebenfalls mit sich ändernden Ideologien auseinander, die den Wahrzeichen der modernen Architektur zu Grunde liegen. Original Condition (Victor Gruen, The Rosenstiel/Augunas Residence, 1950/2005), 2006, besteht aus zwölf Inseraten, die zwischen Herbst 2005 und Frühling 2006 aus dem Immobilienteil der Los Angeles Times herausgeschnitten wurden. Sie dokumentieren den fallenden Marktwert eines Hauses, das vom österreichischen Architekten Victor Gruen, der als Erfinder des modernen Einkaufzentrums gilt, entworfen wurde. Eine zweite Reihe, Original Condition (Masters for Sale), 2006, illustriert die übertriebene Sprache, mit der Immobilienbüros von Architekten der Moderne entworfene Objekte zu verkaufen versuchen: „Prominente Eigentümer“, „vielfach publiziert“, „Preis inkl. Designermöbel“, „Erwerben Sie ein Stück Geschichte!“. Die dritte Reihe, Original Condition (Modernist Interpretation), 2006, zeigt Beispiele für Häuser, die nach dem Vorbild der einst verspotteten und oft vernachlässigten Case Study Houses gebaut und heute bei der intellektuellen Bourgeoisie, inkl. den Künstlern, sehr begehrt sind. Ziel des innovativen Cases-Study-Houses-Programms der Nachkriegszeit war es, kostengünstige und gut durchgeplante Häuser für die kalifornische Mittelschicht leistbar zu machen. Häuser, die im Rahmen dieser mutigen Initiative für soziale Erneuerung entworfen wurden, vereinten technische Innovation mit modernem Design. Nach eigenen Maßstäben versagte „dieser Entwurf für modernes Wohnen“: keiner der Modelle wurde in Serie gebaut. Dennoch gehören einige der wenigen Entwürfe, die damals verwirklicht wurden, zu den Wahrzeichen dieser Zeit, vor allem Pierre Koenigs Case Study House #22, 1959, das in den eleganten Nachtaufnahmen von Julius Shulman verewigt wurde und das Sujet vieler Arbeiten von Margreiter ist.