Ursula Mayer

30.04.–05.06.2014

Ursula Mayers künstlerische Manifestationen setzen sich mit genderübergreifenden Körpermodellen auseinander und verorten diese vor einer Repräsentationsfolie kulturhistorischer Referenzen. Ob Film, Fotografie, Performance oder Installation, Mayers Arbeiten fokussieren auf die Fluidität körperlicher Dimensionen und der daraus resultierenden Auflösung klassischer Vorstellungen von Physikalität.

Die Verweigerung klarer Zuschreibungen von post-feministischen Körperdefinitionen und -funktionen ruft Assoziationen zu Donna Haraways „Cyborg Manifest“ hervor, das die soziale Konstruktion der Frau im ausgehenden 20. Jahrhundert als Chimäre ansieht, ein theoretisiertes und fabriziertes Hybrid aus Maschine und Organismus. Für Haraway sind Cyborgs geschlechtlich nicht definiert und existieren daher fernab von allen Hierarchien, wodurch sich neue Emanzipierungschancen eröffnen. Cyborgs evozieren laut Haraway eine post-Gender Debatte in einer Welt aus Imagination und Materialität/Objektbezogenheit. Letzteres zeigt sich auch in Mayers Fotoserie „The Unbegotten“ von 2013, in der die Skulpturen Bruno Gironcolis die Formgebung der Körper der Models definieren. Die Kombination aus Maschine und Organismus wirft Fragen nach der Objekthaftigkeit und deren Fluidität auf, etwa nach Zerschmelzen der Cyborg Existenzen in heißem, flüssigem Aggregatzustand, aus dem sie wenig später wieder hervorzutreten vermögen.

Ursula Mayers aktuelle Ausstellung in der Galerie Krobath führt BetrachterInnen in eine Welt von Objekten, deren Fluidität sichtbar gemacht wird, auch wenn diese in erhärtetem Zustand den Galerieraum definieren. Die Arbeiten rekurrieren ebenso auf Graham Harmans Theorie einer Objekt-orientierten Ontologie (OOO), die jegliche Existenzform als Objektkonstellationen begreift. Für Harman existieren zwei Arten von Objekte, reale und sensuelle bzw. intentionale. Letztere korrelieren mit Mayers Arbeiten, die Objekte von Gedanken und Imagination darstellen und auch an Haraways Thesen angelehnt sind. Harman entwickelt außerdem in seiner Theorie einen metaphysischen Realismus, der Objekte aus ihrer menschlichen Gefangenheit befreit und isoliert darstellt. Dies trifft auch auf Mayers Objekte zu, die Körper von ihrer sozial vorformulierten Identität befreien. Im Sinne von Herakliths These „Panta Rhei“ – „Alles Fließt“ wird das Sein nicht als statisches Konstrukt begriffen, sondern die Dynamik eines konstanten Wandels betont.

Die Ausstellung bei Krobath zeigt amorphe Glasobjekte, einige davon waren unter dem Titel „Visceral Flowers“ bereits bei Mayers Einzelausstellung im 21er Haus in Wien zu sehen. Die viszerale Komponente weckt Assoziationen zu Organen, die im weitesten Sinne die Formgebung der Objekte bestimmen, jedoch auch als zerschmolzene Cyborgreste gedeutet werden können. Was bleibt ist eine undefinierte Oberfläche, die unterschiedliche Formationen des Mediums Haut symbolisiert, das oftmals ökonomisch bestimmt wird und auch technologische Oberflächen (re-)produziert. Mayer knüpft dadurch auch an Foucaults Biopolitik an, wenn er den Menschen in einer Gruppe beschreibt, die von biologischen Prozessen und Gesetzen bestimmt wird. Biomacht dient dazu, das Leben zu regulieren und zu organisieren. Ob individuell oder kollektiv, Menschen lernen ihren Körper einzusetzen und zu modifizieren und dadurch an spezifische Räume anzupassen. Ebenso führen Haraways Untersuchungen der Konzeptionen körperlicher Begrenzungen und sozialer Ordnung zu einem Bewusstsein, wie die Metaphorik des Körpers für ein Weltbild und damit auch für politische Sprache und patriarchalen Kapitalismus steht. In Bezug zu jener Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher und individueller Organisation von Körper thematisiert Mayer die daraus resultierende Fragmentiertheit, die sich in unterschiedlichen Möglichkeiten von Performanz jenseits einer festgelegten Gendermatrix manifestiert.

Walter Seidl