Stefan Marx
Über die Ausstellung
Everyone has a Stefan Marx Moment
Stefan Marx ist Meister der Pointen. Seine Mini-Gedichte changieren sowohl zwischen spielerischer Ironie, geheimnisvollen Liebesbotschaften und selbstkritischen Gedanken als auch zwischen zeitlosen Ratschlägen einer Mutter, den ernüchternden Wahrheiten eines Bankers und der scharfsinnigen Analyse eines Psychiaters. Alles, was er schreibt, klingt vertraut – und alles, was er zeichnet, wirkt vertraut. Und doch ist es seine markante, wolken- und ballonhafte Typografie, die seinen Worten und Bildern den Eindruck verleiht, als beginne ihre Existenz genau in dem Moment, in dem er den Stift anlegt.
Marx’ künstlerische Praxis gleicht der eines Übersetzers. Alles, was ihn umgibt, fließt früher oder später in seine Werke ein. Ideen und Textfragmente erreichen den Künstler aus diversen, scheinbar banalen Quellen: dem Internet, den Medien, Songs, Artikeln, Chats, zufällig aufgeschnappten Gesprächsfetzen im Flugzeug, Beobachtungen, Begegnungen mit Menschen, der Werbung oder aus dem Trading. Indem er Bankenjargon, vermeintliche CEO-Weisheiten und Liebesgedichte mit seinen eigenen Lebensassoziationen verbindet, wird seine Kunst demokratisch. Zugleich stellen seine Arbeiten die Wandelbarkeit von Sprache in Frage: Sie zeigen, dass Worte nicht starr sind, sondern beweglich, unvorhersehbar und bisweilen überraschend.
Ein Beispiel dafür ist das schwarz-weiße Gemälde „Sad Generation with Happyyy Pictures“. Mit der Präzision eines Dichters gelingt es dem Künstler, mit nur wenigen spielerischen Worten unseren Zeitgeist zu verschriftlichen. Diese sprachliche Ökonomie ist zentral für sein Werk. Sie ist reduziert in der Form und kraftvoll in der Aussage. In der Arbeit „Love Letter“ wird das Gemälde selbst zum Brief. Statt einer wörtlichen Botschaft öffnet sich ein Raum für Vorstellungskraft. Die Bedeutung verschiebt sich von Betrachter*in zu Betrachter*in, während das zugrunde liegende Gefühl universell verständlich ist. Auf diese Weise wird Sprache bei Marx zu einer gemeinsamen emotionalen Erfahrung. Selbst bei ernsten Themen durchzieht seine Werke stets ein subtiles Augenzwinkern – Tragikomik ist sein Markenzeichen. Eine weitere Ebene seiner unverwechselbaren Typografie liegt in der Ausdehnung der Worte über die gesamte Leinwand, sodass der Text den Raum vollständig einnimmt. In Arbeiten wie „days into yearsss“ verlängert das wiederholte „s“ das gesprochene Wort und macht daraus eine serielle, rhythmische Geste.
Seine präzisen, pointierten Mini-Gedichte bilden den zentralen Anker seiner künstlerischen Arbeit. Zugleich erstreckt sich die Bandbreite seines Schaffens über traditionelle wie unkonventionelle Medien. Leinwände, Arbeiten auf Papier, Porzellan, Installationen, Drucke, Zines und Bücher gehören zum vertrauten Repertoire, während Flugzeuge, Werbewände, Marmor oder Schlafmasken der Lufthansa experimentelle Formen darstellen. Diese Vielfalt spiegelt Marx’ rastlose Neugier und seinen Wunsch wider, seine Sprache und Bildwelt in unerwartete Kontexte zu tragen und damit die Frage herauszufordern, wo Kunst existieren kann und wo nicht.
In der Geschichte der Zeichnung wird deutlich: Sie ist weit mehr als ein bloßes Kunstwerk. Sie ist ein Instrument des Denkens, ein Werkzeug zur Wissensvermittlung oder ein Mittel zur Planung und ein Weg, die Welt zu verstehen. Ihre Ursprünge reichen bis zu prähistorischen Höhlenmalereien zurück und zählen zu den frühesten Ausdrucksformen menschlicher Kultur. Während der Renaissance nahm die Zeichnung eine zentrale Rolle in der künstlerischen Praxis ein. Der italienische Begriff disegno („Zeichnung/Entwurf“) brachte diese neue Bedeutung zum Ausdruck und umfasste mehr als bloßes Skizzieren. Der Begriff bezeichnete sowohl die geistige Idee – den „Gedanken im Kopf des Künstlers“ (disegno interno) – als auch ihre physische Umsetzung (disegno esterno): eine Verschmelzung von technischem Können und schöpferischer Vorstellungskraft, die das Wesen künstlerischer Schöpfung definierte. In Marx’ Werk ist die Hand ebenso bedeutsam wie das Gehirn, vielleicht sogar dessen engster Verbündeter.
Bis heute bleibt die Zeichnung eine der bedeutendsten Ausdrucksformen zeitgenössischer Kunst, sichtbar in den Arbeiten von Cecily Brown, Hanne Darboven, Jenny Holzer, Robert Longo, Franz-Erhard Walther oder Kara Walker. Im Fall von Marx wird der unaufhörliche Strom an Informationen, der uns täglich umgibt, gesammelt und sorgfältig entschlüsselt.
Aus Fragmenten, Zitaten und angeeigneter Sprache schafft er Werke, die sowohl den Sinn als auch die Absurdität unserer Zeit einfangen. Gleichzeitig untersucht er, wie Gestaltung und Typografie die Wirkung, Atmosphäre und den Charakter von Sprache prägen. So entsteht ein Phänomen, das sich vielleicht so beschreiben lässt: „Everyone has a Stefan Marx Moment.“
Text: Theresa Weise
Stefan Marx (*1979 Schwalmstadt. Lebt und arbeitet in Berlin) entwickelt aus Zeichnung und Schrift eine eigenständige Bildsprache. Seine Arbeiten entstehen auf Papier, Leinwand, Porzellan und Textil; seine Publikationen bewegen sich zwischen self-publishing und der Zusammenarbeit mit verschiedenen Verlegern. International ausgestellt und vielfach publiziert, prägt er seit Jahren eine unverwechselbare visuelle und inhaltliche Praxis.
In seiner ersten Ausstellung bei Krobath Wien zeigt Stefan Marx neue Leinwandarbeiten. Zudem entsteht eine Wandzeichnung in den Galerieräumen.
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