Sophia Süßmilch

Placenta paradise, 2019
Öl auf Baumwolle
170 x 220 cm
Unikat

Foto: Rudolf Strobl

Das menschliche Leben ist voller Abstraktionen. Auf einen Seinszustand folgt der nächste. Metamorphose, der Prozess des Werdens, die Bewegung von einer bestimmten körperlichen Beschaffenheit zu einer anderen, ist ein unendlicher, aber nicht ausschließlich linearer Prozess. Ein Kokon ist eine vorübergehende Hülle, die ihren Inhalt nährt und schützt, bevor sie aufbricht und das Leben freisetzt, dem sie geholfen hat heranzuwachsen. Ein Kokon bietet einen temporären Zufluchtsort, nährt und schützt dessen Inhalt, bevor er aufbricht und das Leben freisetzt, dem er geholfen hat heranzuwachsen.

Obwohl Sophia Süßmilch sich in ihrer neuesten Arbeit mit dem Kokon im wortwörtlichen Sinne auseinandersetzt, gibt es keinen echten Kokon in dieser Arbeit. Vielmehr stellt sie mit ihren Fotografien und Malereien einen suspendierten Seinszustand dar; es ist, als ob sie innehält und zurückblickt, um die Vorstellung des Werdens, des Sich-selbst-Überholens aufrecht zu erhalten.

Damit wagt sie sich an den Kokon tatsächlich heran und schiebt die metaphorisch komplexe Bürde, die zwischen zwei Seinszuständen steckt, beiseite. Ihre triptychonartige Comic-serie Three Stages of Life (2019) beschäftigt sich mit der eindringlichen Frage, wie Kindheit, Pubertät und Erwachsensein miteinander verwoben sind und enthüllt die jeweiligen Klischees aus der Warte des fleischlich Inneren. Sie präsentiert drei unterschiedliche frühe Lebensphasen, die der abstrakten Menschwerdung eine körperliche Gestalt geben; und gleichzeitig schickt sie eine gewisse Doppeldeutigkeit voraus. Die lebendige, bewegliche Raupe in Mediocre Childhood baut einen Kokon um sich in Fuck Puberty, um dann zu einem sorglosen, stacheligen Schmetterling zu werden, der sich in Depressing Adulthood durchschlägt.

Was Süßmilch mit Erwachsensein meint, wird in ihren sexuell aufgeladenen Fotografien klarer. In Teddy’s Girl sitzt sie gemütlich im aufgeschnittenen Bauch eines 2,40 Meter großen Teddybären, ihre Beine sind über die Beine des Teddybären gespreizt und ihre Brüste ragen über ihrem engen Bodysuit hervor. In dem Foto, A mother is the mother of all problems, stellt sie das Gegenteil ihrer Haltung zur elterlichen Erziehung dar: über ihre biologische Mutter gebeugt, umhüllt sie sie mit den langen Haaren ihrer zotteligen, blonden Perücke. Den Te(Da)ddy eher in den Mittelpunkt stellend als ihre bedeckten Mutter, ist Süßmilch selbst in Real feminists hate dicks mit einer Halskrause aus Bananen zu sehen, die ihren Kopf komplett einkrönt. Obwohl das Bild einer Appropriation von Josephine Bakers berühmten Bananenrock-Tanz gleichkommt, eine bewusst erotisierende und objektivierende Performance einer schwarzen Frau, parodiert Süßmilch hier ein eurozentristisches Bild des Phallus, und legt noch zusätzlich eine ungeschälte süße Frucht zwischen ihren Beinen – ihre eigene Version eines Törtchens, das noch verzehrt werden soll.

Das Bild Placenta Paradise nagt an der Körperlichkeit der Organe. Freihängende, ausgebreitete kugelförmige Placenta sind in verschiedenen Formen, Größen und Farben gemalt und sehen jeweils unterschiedlich aus. Süßmilchs fleischige Eingeweide scheinen keiner Logik zu folgen und die figurativen Organe bestehen nur aus einer abstrakten Leber, zu groß oder zu klein geratenen Gedärmen, undefinierbaren Gallenformen, kleinen Mägen und Lungen. Chaos, in Ordnung – die Formen ihrer Organe erscheinen buchstäblich abstrakt.

Trotz ihrer agitierenden Direktheit übertragen und performen Süßmilchs Arbeiten tiefgreifende ästhetische Erfahrungen auf Leinwand oder Fotopapier. Sie beugen körperliche Aha-Momente, wie etwa das psychedelisch bunte Bild einer abstrakten Figur auf schwarzem Hintergrund mit dem Titel Ich war noch nie beim Yoga oder neoliberale Waffen des Spätkapitalismus und die romantische Farbpaarung von Blau und Gelb innerhalb einer ovalen Farbfläche zeigen das Haus einer rosa Schnecke, die zum linken Bildrand kriecht. Süßmilchs ironischer Humor ist durchwoben mit melancholischen und aggressiven Strängen, so wie das Bauchgefühl gegen die eigene kosmisch spürbare Tierhaftigkeit des Menschen antreibt. Der Versuch Sophia Süßmilchs Arbeiten allegorisch zu lesen, das heißt, die Aufmerksamkeit auf die Art der Verbindung, die sie zwischen zwei Dingen herstellt, lebend oder unbewegt, dokumentierend oder abstrakt, veranschaulicht einen tief in den Gedärmen sitzenden Widerstand gegen die Transformation in eine andere Mutter; ihr Werkkörper zeigt nichts Anderes als ihr eigenes begehrendes Selbst.

Text: Lisa Moravec
Übersetzung: Dr. Mandana Taban

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Biografie

Sophia Süßmilch

Lebt und arbeitet in München und Wien.

1983 in Dachau (D) geboren
2006 Class of Prof. Stephan Huber at Academy of Fine Arts Munich
2011-2013 Class of Prof. Ashley Hans Scheirl for contextual painting at Academy of Fine Arts Vienna
2015 Diploma as master student of Stephan Huber at Academy of Fine Arts Munich

Preise

2008 Stipendium Rosa-Luxemburg-Stiftung

2011 Forschungsstipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung für die USA

2018 Bayrischer Sponsorenpreis

Ausstellungen (Auswahl)

2020„Empört Euch“, Kunstpalast, Düsseldorf (D)Groupshow
„TROST im jüngsten Tag“, Galerie der KünstlerInnen, Munich (D)Groupshow
„GEBENEDEIT SEI DIE FRUCHT DEINES LEIBES“, Galerie Martinetz, Cologne (D)Soloshow
„Amish Quilt meets modern Art“, Textilmuseum Augsburg, Augsburg (D)Groupshow
„Perspektiven Attersee“, Attersee am Attersee, Austria (A)Groupshow
„Ja Ja Nein Nein Vielleicht“, 15. Rischart Projekt, Gasteig, Munich (D)Groupshow
„Bei Langeweile öfter mal das ABC aufsagen“, Neue Galerie Graz, Graz, Austria (A)Soloshow
2019„Mixed pickles 6“, Ruttkowski;68, Cologne (D)Grouphow
„Bayerische Kunstförderpreise 2018“, Galerie der Künstler, Munich (D)Groupshow
„IF YOU THINK YOU ARE A PERFORMANCE ARTIST BUT YOU’RE REALLY JUST A MEME“, Tanzquartier Wien, Vienna (A)Soloshow
„God is a concrete creature & other system failures“, Salon no 6, Vienna (A)Soloshow
„Who the F*ck is Sophia Süßmilch“, Büro Weltausstellung, Vienna (A)Soloshow
„Kokon“, Galerie Krobath Wien, Vienna (A)Soloshow
„No method“, Yarc Gallery, Gwangju, South Korea, Groupshow
2018„Die ersten Jahre der Professionalität 37“, Galerie der Künstler, Munich (D)Groupshow
„Post Feminism“, Galerie Störpunkt, Munich (D)Groupshow
„Kann ich mal die Braun?“, Belvedere21, Vienna (A)Soloshow
„Das Glück der Erde“, Galerie AaCollections, Vienna (A)Soloshow
„Alles muss man selber machen“, Edel Extra, Nuremberg (D)Soloshow
2017„Unser Dorf soll schöner werden“, „Traube“, St.Ulrich/Italy (IT)Soloshow
„Scheiss auf Metaphern“, Ateliertheater, Vienna (A)Soloshow
2016„Last Show“, Alte Kugelschreiberfabrik, Vienna (A)Groupshow
„Schlechte Entscheidungen“, Kunstarkaden, Munich (D)Groupshow
2015„ BODYPAINTING SEMINAR“ , Galerie „Aa collections“, Vienna (A)Soloshow
2014„ ICH- Sophia Süßmilch“, Galerie, Fetti amore, Leipzig (D)Soloshow
„ZIMMER FREI“, Hotel Mariandl, Munich (D)Groupshow
„SAMPLING WOMAN“, Westwerk, Leipzig (D)Groupshow
2013„the keys to her place“, VBKOE, Vienna (A)Groupshow
„FIRST WE TAKE MANHATTAN“, Rathausgalerie, Munich (D)Groupshow
„Der essentielle Moment“, masc foundation, Vienna (A)Groupshow
2012 „TOD“, Gesellschaft für christliche Kunst , Munich (D)Groupshow
„VIENNA SAUSAGE“, Galerie AaCollections, Wien (A)Soloshow
„VACANCY/NO VACANCY“ , Akademiegalerie, Munich (G)Soloshow
2011:“I had dreamed the perfect painting“,Kunstpavillon, Munich (D)Groupshow
“STARTERS”, Lothringer 13/Halle, Munich (D)Groupshow
“BURGERS SIMULTANHALLE”, Simultanhalle, Cologne (D)Groupshow
2010“FLUXUS 3000.THE FUTURE OF PERFORMANCE ART”,
Lothringer 13/Laden, Munich (D)Groupshow
2009“Der große P”, Katholische Akademie, Munich (D)Groupshow
“Wunderkammer-die Ratten stürmen das sinkende Schiff”,
Die Färberei, Munich (D)Groupshow
2008“Gutes Amerika-Böses Amerika”, Galerie Noah, Augsburg (D)Groupshow
“6000 Jahre München”, Galerie der Künstler, Munich (D)Groupshow
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