Hertha Hurnaus
Untergr√ľndig

28.01.‚ÄĒ06.04.2022

√úber die Ausstellung

Untergr√ľndig

Oben glitzern die Luster, alles dr√§ngt ins Rampenlicht. Unten ist es still und k√ľhl, ohne Prunk und Publikum. Zw√∂lf Meter unter dem Wiener Null spielt es keine Rolle, welche Vorstellung oben gerade l√§uft. In den Tiefgeschossen der Ringstra√üenbauten bleiben die dienstbaren R√§ume still unter sich. Hier, an der Unterseite des Geschehens, vollzieht sich die Mechanik der Vorg√§nge unbemerkt. Diese Unmerklichkeit ist ihr Zweck, geht es doch in den ger√§uschempfindlichen Monumentalbauten vor allem um haustechnische Reibungslosigkeit, um lautlose Frischluftversorgung, Heizung und K√ľhlung, darum, dass in den Prunkr√§umen oben niemandem der Atem ausgeht.

All die L√ľftungsg√§nge, Frischluftschleusen und Kapillarsch√§chte, Requisitenmagazine und Kulissendepots, Heizzentralen und Zisternen bilden unter der Ringstra√üe eine Welt f√ľr sich, mit einer eigenen Ikonografie und Monumentalit√§t, die sich an niemanden wendet. Diese R√§ume repr√§sentieren nicht, sie sind.

Wer in diesen Untergrund abtaucht, bewegt sich durch die Glieder eines riesigen Apparats und macht sich automatisch zum Komplizen einer Mechanik, die das Funktionieren der Prachtbauten sichert. Mit Selbstverst√§ndlichkeit setzt das technische Personal im tiefsten Kellergescho√ü die Abl√§ufe in Gang, √∂ffnet im richtigen Moment die Schleusen, kurbelt an einem Zahnrad, kennt jeden Winkel im Geflecht einer vielfach geflickten Infrastruktur. Vereinzelt herumstehende Truhen, Sessel und B√§nke zeugen von menschlichem Aufenthalt, beil√§ufig und ohne Anspruch zu bleiben. Bisweilen taucht unvermittelt die heimelige Nische eines Arbeitsplatzes auf, Tisch, Stuhl, Lampe, Jause, fern jeden Tageslichts, surreal in seiner Normalit√§t. Oft muss man nur eine unscheinbare Tapetent√ľr durchschreiten, um sich auf der Hinterb√ľhne eines Historismus wiederzufinden, dessen Fassade sich als papierd√ľnne Kulisse erweist. Hinter und unter der B√ľhne, auf der ‚ÄěWien‚Äú aufgef√ľhrt wird, findet die perfekt ausgeleuchtete Inszenierung der Ringstra√üe ihr Gegenst√ľck. Sch√§chte und G√§nge, kathedralenhafte oder klaustrophobische Tunnel der Zirkulation, verschlungene Wege der Frischluft von irgendwo nach irgendwo, aufgeladen mit Nichts. Selbst in den R√§umen, die nur ihr vorbehalten sind, bleibt die Technik oft r√§tselhaft oder ganz unsichtbar. Kabel und Rohre tauchen auf und verschwinden wieder, rostige Scharten im Boden zeugen als arch√§ologische Spuren von obsoleten Turbinen. Dazu mischen sich Spuren der Geschichte, die hier nicht √ľberschminkt wurden. Notizen an den W√§nden, Pfeile zu Fluchtwegen der Vergangenheit, l√§ngt vergessene technische Geheimcodes. Der Untergrund des Rings ‚Äď ein Reservat der verdr√§ngten Erinnerungen.

Gabriele Kaiser, Maik Novotny

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