Jenni Tischer
HARD FACTS (I SEE / YOU MEAN)

20.04.—27.05.2023

Über die Ausstellung

Die Ausstellung HARD FACTS (I SEE / YOU MEAN) setzt Darstellungen reproduktiver Arbeit und ihrer Infrastrukturen zueinander ins VerhĂ€ltnis. ArchitekturentwĂŒrfe und Analysen der Architektin Alice Constance Austin (1862–1955), der Krankenpflegerin und Statistikerin Florence Nightingale (1820–1910) und der KĂŒnstlerin Friedl Dicker (1898–1944) bilden die zentralen Referenzen der raumgreifenden Installation. Jenni Tischer folgt den Abstraktionen ihrer Vorbilder formal und inhaltlich. Sie untersucht deren visuelle Formen als Erkenntnisinstrumente und Werkzeuge der Transformation sozialer Beziehungen in unterschiedlichen Varianten von Mimikry, Wiederholung, Re-Formatierung und Re- Materialisierung.

Dem Motiv des Rasters kommt in dieser Hinsicht ein zentraler und ambivalenter Status zu. Es liegt der Ausstellung einerseits als modulares Prinzip (Tischer verwendet standardisierte, multiplizierbare Formate) und entgrenzter modernistischer Grund zugrunde, in den ungegenstĂ€ndliche Figuren und Markierungen eintragen werden. Andererseits kippt es aus dieser Eigenschaft mehrfach in eine materielle Spezifik. So liegt es als gitterförmiger Teppich aus Kaktusleder am Boden, hĂ€ngt als Rest eines Gewebes aus dĂŒnnen Streifen lose von einem glĂ€sernen Objekt, das es gleichzeitig durchzieht, oder ist Grundlage eines optischen Effekts, der auf der Verschiebung gitterförmig an ihren Kanten besprĂŒhter DIN-A4-BlĂ€tter beruht, wodurch das Raster unlesbar, der Papierstapel hingegen als orange-grauer Quader wahrgenommen wird.

Dem Raster stehen in den vier großformatigen Bildern zugleich weitere visuelle Logiken gegenĂŒber:
In Diagrammatic Image (a) Llano del Rio ĂŒberschneidet eine vom Zentrum der Leinwand ausgehende radiale Struktur ein schwarzes Gitternetz auf grauem Grund. Die an den Kreuzungspunkten entstehenden Dreiecke, Trapeze und Rechtecke bilden eine symmetrische Formation aus Sternen, Hexagonen und (ĂŒber den Rand der Leinwand hinausfĂŒhrenden) Bahnen, die sich im nĂ€chsten Bild fortsetzen. Tischer zitiert hier Austins vogelperspektivisch angelegten Entwurf einer Garden City fĂŒr das nie fertiggestellte sozialistische Projekt Llano del Rio (Antelope Valley, Kalifornien, 1911–1914), der auf eine von Geschlechtszuschreibungen unabhĂ€ngige, grundsĂ€tzliche Neuverteilung reproduktiver Arbeiten im Kollektiv und damit auf eine Umarbeitung familialer Beziehungsmodelle abzielte. Dass Austins feministische StĂ€dtebaupolitik nicht zuletzt die ökonomische Notwendigkeit sozialer Reproduktion buchstĂ€blich, nĂ€mlich rĂ€umlich ins gesellschaftliche Zentrum rĂŒckte, unterstreicht Tischer auf humorvolle Weise, indem sie einen Friedl Dickers EntwĂŒrfen entnommenen Herd in den Mittelpunkt der radialen Struktur setzt.

Die ĂŒber die Grenzen der Leinwand hinausreichende, regelmĂ€ĂŸige Wiederholung des Herdmotivs mittels Farbspray und Schablone bei Diagrammatic Image (c) The power of the Center is the Function of the Frame aktualisiert den aufgerufenen historischen Zusammenhang in einem doppelten Sinn. Die Repetition imitiert die „thankless and unending drudgery“ (Austin) reproduktiver Arbeit und reflektiert darĂŒber hinaus die Fortsetzung ihrer gesellschaftlichen Marginalisierung, ihre ungebrochene Geschlechtsbezogenheit und Rassifizierung, wie auch ihre spĂ€tkapitalistische Auslagerung in prekĂ€re ArbeitsverhĂ€ltnisse. Der Radialstadt Austins antwortet in Diagrammatic Image (d) Rose Diagram die Form eines von Florence Nightingale entworfenen coxcomb oder rose diagrams, eines frĂŒhen Versuchs der Visualisierung komplexer Datenlagen, der 1858 im Rahmen eines Reports veröffentlicht wurde. Dieser diagrammatischen Figur liegen, wie ein ebenso der Publikation entnommener,

auf die Leinwand ĂŒbertragener ErklĂ€rungstext zeigt, unterschiedliche Faktoren der von Nightingale empirisch untersuchten MortalitĂ€t britischer Soldat:innen wĂ€hrend des Krimkriegs zugrunde.
Durch die formale Gleichsetzung von Austin und Nightingales Figuren in und auf einem Raster fĂŒhrt Tischer zwei konzeptuell unterschiedliche Modi der Visualisierung auf eine Weise eng, die ihre jeweilige Spezifik in den Hintergrund treten und sie abstrakter werden lĂ€sst, als sie es ihrer ursprĂŒnglichen Intention nach wĂ€ren: Auf der einen Seite das auf perspektivischer Konstruktion basierende Modell einer rĂ€umlichen Struktur, die die Fiktion einer zukĂŒnftigen Stadt/Raumordnung ermöglicht und so die Herstellung neuer gesellschaftlicher Beziehungen vorstellbar macht – auf der anderen Seite ein auf Quantifizierungen beruhendes Diagramm, das ĂŒber das Mittel der Abstraktion ansonsten unsichtbar bleibende Relationen qualitativ verschiedener Faktoren (Verwundungen, Krankheiten, Jahreszeit und Hygienemaßnahmen) unmittelbar denk- und verstehbar werden lĂ€sst.

Tischers Arbeiten markieren an anderer Stelle wiederum die HistorizitĂ€t der von ihnen aufgefĂŒhrten Figuren – etwa durch Beibehaltung der ursprĂŒnglichen Typografie des eingefĂŒgten ErklĂ€rungstexts in Diagrammatic Image (d) Rose Diagram. Die zwischen Dekontextualisierung und Anachronismus oszillierenden Figuren erlauben, den Abstand von Nightingales Verfahren zu gegenwĂ€rtigen Strategien der Datenvisualisierung zu ermessen, aber auch nach Machtdynamiken in diagrammatischen Darstellungen zu fragen, etwa in Bezug auf Ein- und AusschlĂŒsse von Faktoren und Perspektiven. Auf diese Weise berĂŒhren sie schließlich auch Fragen nach der disziplinĂ€ren und perspektivischen Vielfalt, auf die Auseinandersetzungen mit reproduktiver Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen angewiesen sind, um die Diskrepanz zwischen ihrer gesellschaftlichen Relevanz und ihrer vielfĂ€ltigen Ab- und Entwertungen adĂ€quat beschreiben zu können.

Stefanie Kitzberger 2023

Film: DOP/ Regie: Sebastian Arlamovsky
Skeptika – Illusion of Peace
Skeptika – Earth Travellers

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