Über die Ausstellung
our love (illusio) is everything that the waterfall is (doxa)
Vorab die kurze Erklärung, zu den, den Titel zusammensetzenden Zitaten: Das Grundgerüst „UNS´RE LIEBE IST WIE EIN WASSERFALL„ stammt von der dt. Band Eisenvater aus ihrem Song UNS´RE LIEBE.1) Diese Allegorie einer kraftvollen mächtigen Quelle endlos herabfallenden kühlenden klaren erfrischenden Nass in einer Zeit zunehmender Dürre und Trockenheit der weltumspannenden Klimakrise, von einer Band aus einem Musikgenre, dessen Publikum für maximale und bedingungslose Treue steht (Heavy Metal), fand ich für die, dieser Ausstellung zu Grunde liegenden kuratorischen Überlegungen nützlich. Alles was der Wasserfall ist betont holprig angelehnt an den ersten Satz aus Ludwig Wittgensteins (1889 – 1951) Tractatus logico-philosophicus. Diese zwei Komponenten zeigen sich wiederum von den beiden Begriffen des Soziologen Pierre Bourdieu (1930–2002) llusio und Doxa (altgriechisch δόξα dóxa ‚Meinung‘) gerahmt. Illusio beschreibt jenen Mechanismus, nach dem gesellschaftliche Gruppen bzw. Klassen und Individuen sich über die eigentlichen Machtstrukturen der Gesellschaft täuschen und getäuscht werden und damit unbewusst zur Reproduktion der jeweils bestehenden Ordnung beitragen. Doxa wiederum fasst, alle Überzeugungen und Meinungen, die unhinterfragt als wirklich oder wahr angenommen werden, zusammen. Umgemünzt auf das diesjährige curated by Thema somit „Unsere Liebe“ als eine Überzeugung und Selbstverständlichkeit, die als wahr angenommen wird, und zugleich unbewusst zur fortwährenden Reproduktion von Liebesbegriffen beiträgt. In dieser durch Überfixierung versuchten Weitung und Öffnung des Begriffs Liebe stolperte ich zu Beginn der Vorbereitung von freien assoziativen Erinnerungen an die beliebte Cartoon-Reihe Liebe ist …. mit Sprüchen über Zweisamkeit von Kim Casali (1941 – 1997), über von Martin Kippenberger (1953-1997) mit der über die Tageszeitung Kurier bestellbaren und individuell gestaltbaren Sticker I LOVE … gesäten Serie von Leinwandbildern, bis zu aktuellen kleinen Naschfreuden veganer LOVE-Fruchtgummis der Katjes Wunderland Rainbow Edition. Ernsthafter und konkreter wurde es mit der Ergründung des photographischen Phänomens der Doppelbelichtung, wo einzelne Belichtungen ineinander verschwimmen, um mehrere Realitätsebenen, etwa auch Liebesobjekte ganzheitlicher abbilden zu können. Auch die Hybris einer 1:1 skulpturalen Übersetzung von Gesten intimer Körperlichkeit interessierte mich genauso, wie persönliche Hommagen an eigene Begegnungen mit Arbeiten wie von B.Wurtz für mich wichtig wurden. Einst suchte ich fassungslos während eines Aufbaus die Transportkiste nach Inhalt und Arbeit ab, ehe ich die, sich kaum von der Sicherheitsverpackung unterscheidenden fragilen Skulpturen des Künstlers entdeckte und mich zuvor ernsthaft fragen musste, wo sich das, was ich so sehr lieben lernte denn überhaupt versteckte. So zeigt sich diese Ausstellung generell durchzogen von solchen Suchen nach Beweisen und Manifestationen der Thematik, auch von falscher Energie, wie ewigen Versprechen und einem Davor, Mittendrin und Danach einer ALMOST LOVE! Eben auch Zweifel an Zuneigung und die wiederholte Frage nach Art und Weise wie destruktive oder verwirrende Beziehungen fälschlicherweise als Fürsorge oder Leidenschaft bezeichnet und dennoch als wahr angenommen werden. Ob wenn wir etwas im Alltag erleben, wir uns weiter danach es als Kunst zu erfahren sehnen bzw. worin der symbolische Vorteil der Kunst hierin noch liegen könnte? Wie alle Widersprüche, und Missverständnisse, Bedingungen und Vorstellungen der Ekstase und Entrückung, die verschiedensten Kombinationen von Ursache und Wirkung von Liebe, oder eben illusio und doxa, dem besonderen Kitzel des Warum und Wie entgehen könnten, wäre es auch nur um ihren Mangel, ihr Ungenügen und die Enttäuschung fest- und auszustellen, die eine Ausstellung, die unsere Gefühle verrät, in uns zurücklässt. Denn je mehr wir die Liebe suchen und finden, desto mehr wird sie zum Fetisch, und je mehr sie zum Fetisch wird, desto weniger zugänglich ist sie. Und dennoch bewegt sich seit jeher alles allein dahin, wo LOVE ist.
1) “Uns’re Liebe” ist der dritte Track auf dem 1995 erschienenen Album Eisenvater III der deutschen Band Eisenvater. https://www.youtube.com/watch?v=vuYju_xv5cA&list=RDvuYju_xv5cA&start_radio=1
Christian Egger lebt als bildender Künstler, Musiker und freier Autor in Wien. Er ist Mitherausgeber des Künstler*innen-Fanzines www.ztscrpt.net . Solopräsentationen seiner Arbeiten waren zuletzt in Wien bei 20 20 und Charim Schleifmühlgasse bzw. bei The Horse (Dublin) oder im Kunstraum Schwaz zu sehen. Neben zahlreichen Ausstellungspublikationen werden seine Texte regelmäßig in internationalen Kunstmagazinen wie ArtReview, Texte zur Kunst, SPIKE, Springerin, Camera Austria u.v.m. veröffentlicht. Sein Buch Shows, Signals, Unvernehmen vereint Texte der Jahre 2005 bis 2020 und erschien bei Floating Opera Press (Berlin).
Weitere Informationen:
The Shadow of Lustre VIII, 2024
Amol K Patil
Bronze
50 x 35 cm
Ed 1/2 (+1 AP)
Courtesy of the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zurich,Paris
Bunch #4, 1996
B. Wurtz
Metal, Holz, Draht, Emaillelack, Plastiktüten
ca. 250 cm
Photo Jan Hecl
Courtesy of the artist and Gregor Podnar Vienna
Tony and Wynonny, 1995
Bruce LaBruce
C-Print, gerahmt
45,72 x 35,56 cm
Ed 2/3
Courtesy of the artist and Bonny Poon, Toronto
capriccio XXIII.8, 2017
Crisfor
Analoge Doppelbelichtung, Museum Etching, Kaschierung Dibond
43,2 x 30,9 cm
Courtesy of the artist
Capriccio XXX 4, 2017
Crisfor
Analoge Doppelbelichtung, Museum Etching, Kaschierung Dibond
30,9 x 43,2 cm
Courtesy of the artist
M/y Cariño III, 2026
Giorgos Tigkas
C-Print, Aluminium, Glas, Sperrholz
13 x 43 x 1 cm
Courtesy of the artist and Radio Athènes
M/y Cariño IV, 2026
Giorgos Tigkas
C-Print, Aluminium, Glas, Sperrholz
13 x 43 x 1 cm
Courtesy of the artist and Radio Athènes